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#64 Teil 1 - Essstörung und Beziehungen - die Beziehung zu dir selbst, Selbstwertgefühl stärken und mein Umgang mit Body-Avoidance

Ich habe vor kurzem eine Story auf Instagram geteilt, auf die ich wahnsinnig viele Quick-Reactions und Nachrichten bekommen habe. Und weil sie gut zum Thema des heutigen Beitrags passt, möchte ich den Text aus meiner Story als kleinen Einstieg nutzen:

Und auch du kannst an dieser Stelle einmal innehalten und darüber nachdenken, wieso du für Heilung losgehen möchtest? Wie viele der Dinge, die dir jetzt in den Kopf schießen, auf die ein oder andere Art andere Menschen involvieren? Vielleicht möchtest du heiraten oder eine Weltreise mit deiner besten Freundin machen. Vielleicht möchtest du Mama werden oder die Beziehung zu deinen Eltern verbessern.

 

Fakt ist, dass Beziehungen superwichtig und für viele von uns eine große Motivation sind. Deshalb möchte ich diesen und den nächsten Beitrag dem Thema „Beziehungen“ widmen. Selbst wenn du mit dem Thema „Beziehung“ aktuell nichts am Hut hast und dein persönliches „Warum“ keine anderen Menschen einschließt, empfehle ich dir dranzubleiben und weiterzulesen. Wir starten nämlich mit der wichtigsten Beziehung, die wir alle haben – und das ist die Beziehung zu uns selbst.

Die wichtigste Beziehung, die du jemals führen wirst

Wieso sagt man das eigentlich? Dass die wichtigste Beziehung die ist, die wir zu uns selbst haben? Wenn du mich fragst, liegt es vor allen Dingen daran, dass alles bei dir beginnt.

 

Du siehst die Welt nicht so, wie sie ist, sondern so, wie du bist. Deine äußere Welt ist immer ein Spiegel deiner inneren Welt. Wenn du innerlich in Mangel und Angst bist, wirst du auch im Außen Mangel und Angst wahrnehmen. Diese Erfahrungen bestätigen wiederum den Mangel und die Angst im Innen und verstärken sie. Man spricht in diesem Kontext oft von der „self fulfilling prophecy“.

 

Andersherum funktioniert die natürlich genauso: Wenn du in dir Freude und Liebe trägst, wirst du auch im Außen Freude und Liebe wahrnehmen und spüren. Also: Alles beginnt bei dir – auch deine Beziehungen. Und ja, im ersten Moment mag das nach einer Menge Verantwortung klingen. In Wahrheit ist die sogenannte Selbstverantwortung aber ein großes Geschenk, weil sie besagt, dass du das Ruder in der Hand hast und dein Leben aktiv mitgestalten kannst. 

Nachdem wir das „Was“ und „Warum“ geklärt haben, kommen wir nun zum „Wie“. Wie schafft man es, eine gesunde, starke und stabile Beziehung zu sich selbst aufzubauen?

 

Der erste Schritt ist meiner Meinung nach, sich gut um sich zu kümmern – auf körperlicher Ebene, indem man regelmäßig und ausreichend Energie in Form von Nahrung zuführt sowie auf mentaler Ebene, indem man im Einklang mit den eigenen Bedürfnissen handelt, sich Zeit für sich und die Routinen nimmt, die einem guttun.

 

Viele Betroffene und einige meiner Coachees berichten, sich zwar um sich kümmern zu wollen, es aber nicht zu können. Oder sich kurzzeitig dazu „durchzuringen“, dann aber wieder in alte Muster zu verfallen. Ich kenne das selbst nur zu gut und stelle bis heute fest, mich immer wieder daran erinnern zu müssen, mir Zeit für Yoga & Meditation zu nehmen, das Handy auch mal beiseitezulegen oder auf eine gesunde Balance zwischen Arbeit und Freizeit zu achten. 

Die Wurzel allen Übels: Der Selbstwert

Woran scheitert also die Umsetzung? Ich glaube, dass es weniger an der fehlenden Zeit liegt (denn mal ehrlich, für Sport und unsere Spaziergänge finden wir die Zeit ja irgendwie auch immer), sondern vielmehr daran, dass wir es uns nicht wert sind, uns die Zeit zu nehmen. Es hat also mit dem Selbstwert zu tun. Besser gesagt, mit dem Selbstwertgefühl. Denn: Wie der Name schon sagt, handelt es sich dabei um ein Gefühl und wir wissen, dass Gefühle kommen und gehen. Genauso ist unser Selbstwertgefühl in einigen Momenten präsenter als in anderen.

An dieser Stelle kannst du dich gerne einmal fragen, wann du dich wertvoll oder zumindest wertvoll-er fühlst? Woraus du deinen Wert schöpfst?

 

Vielleich stellst du fest, dass du dich vor allen Dingen dann wertvoll fühlst, wenn du Lob und Anerkennung bekommst. Beispielsweise, weil du eine gute Note geschrieben oder eine tolle Leistung auf der Arbeit erbracht hast. Oder aber, wenn du hübsche Fotos auf Instagram teilst, immer für andere da bist oder weil dein Körper einem vermeintlichen Ideal entspricht, was auch erklären würde, wieso es dir so schwer fällt, deine Essstörung loszulassen.

 

All das ist legitim und nichts, wofür du dich verurteilen müsstest. Wir alle haben das angeborene Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Liebe. Und doch darfst du verstehen, dass der Selbstwert, den du aus dem Außen schöpfst, temporär ist. Dass er immer „höher, schneller weiter“ erfordert, weil du nichts mehr davon hast, wenn du allein bist. Dass das langfristig verdammt anstrengend, nicht machbar ist und ohnehin nichts nützt, denn wie bereits eingangs erwähnt, beginnt alles in dir.

Hinter einem geringen Selbstwert stecken in der Regel einschneidende und prägende Erlebnisse, die unverarbeitete Wunden und negative Glaubenssätze hinterlassen haben. Diese Erlebnisse sind so individuell, dass es leider keine one fits all Schritt-für-Schritt-Anleitung für ein besseres Selbstwertgefühl gibt. Wie so vieles beginnt dieser Weg meiner Erfahrung nach aber mit der Entscheidung für dich und dem bewussten Schritt aus der Komfortzone. Indem wir den Weg „durch die Angst“ hindurch wählen und unsere Komfortzone verlassen, können wir korrigierende Erfahrungen machen, die unser Vertrauen in unsere Fähigkeiten und damit auch unser Selbstwertgefühl stärken.

 

Nachdem ich mich frei von Lob und Anerkennung im Außen gemacht habe, musste auch ich feststellen, dass von meinem Selbstwertgefühl nicht mehr viel übrig war. Und daraufhin in die Konfrontation mit meiner größten Angst gehen: Der Begegnung mit mir selbst. Konkreter: Der Begegnung mit meinem Körper.

Wie das Körperbild den Selbstwert beeinflusst

Denn wie so vielen Betroffenen von Essstörungen hat auch mir das ständige Body-Checking, also die kritische, meist ritualisierte Überprüfung des eigenen Körpers in Bezug auf Form, Figur und Gewicht, den Heilungsprozess erschwert. Hat man sich erst einmal an die Standards der Essstörung gewöhnt, verstärkt das Body-Checking im Heilungsprozess, der ggf. mit einer Zunahme gekoppelt ist, den negativen Gedankenstrudel sowie die schlechte Körperwahrnehmung. Deshalb habe ich es während der Recovery als hilfreich erlebt, Ganzkörperspiegel abzunehmen und gemütliche, lockere Kleidung zu tragen, in denen die Gewichtszunahme weniger sichtbar war. 

Durch die permanente und andauernde Vermeidung meines Körpers bin ich vom Body-Checking in die sogenannte Body-Avoidance gerutscht. Ich habe also nur noch Klamotten gekauft, die mindestens eine bis zwei Nummern zu groß waren, mich nie vor dem Spiegel umgezogen, Spiegel generell gemieden, es gehasst, Fotos von mir zu machen sowie körperliche Intimität gemieden.

 

Vielleicht alles Dinge, die sich im ersten Moment halb so wild anhören und mit denen man eigentlich gut leben kann – allerdings schränkt die Body-Avoidance wie auch die Essstörung an sich die Lebensqualität ein. Beispielsweise habe ich mir im Sommer schlechtes Wetter gewünscht, damit meine Freunde nicht auf die Idee kommen, an den See zu fahren. Und aus dem Homeoffice zurück ins Büro zu kehren war für mich nur deshalb so schlimm, weil es bedeutete, die Jogginghose und den Hoodie durch eine Jeans und Bluse zu ersetzen.

 

Die Körpervermeidung lässt darauf schließen, dass der Körper und das Gewicht nach wie vor überbewertet werden. Dass das eigene Glück davon abhängt, ob man einem bestimmten, sich selbst auferlegten Ideal entspricht oder nicht. Dass der Körper in seinem natürlichen Zustand nach wie vor nicht akzeptiert wird, was natürlich auch das Risiko für Rückfälle erhöht.

Die Begegnung mit meinem Körper

Um vollständig, ganzheitlich, nachhaltig und langfristig heilen zu können, darf man früher oder später auch diesen Aspekt der Essstörung anschauen. Sich mit der Body-Avoidance auseinanderzusetzen ist (wenn ich das so sagen darf) next level shit. Die Begegnung mit dem eigenen Körper kann eine Menge negativer Gefühle hervorrufen. Gefühle, mit denen man zu Beginn der Recovery wahrscheinlich noch nicht umgehen kann.

 

Ich persönlich musste mir zuerst absolut und zu 100% sicher sein, dass mein Ess-, Sport- und Bewegungsverhalten nicht mehr an ein bestimmtes Körpergefühl gekoppelt ist. Dass ich mir und meinem gesunden Anteil mehr vertraue als der fiesen Stimme in meinem Kopf. Und dass ich mich trotz potenziell auftretender negativer Gefühle immer wieder für meinen Körper und Heilung entscheide. Wenn du dich nicht stabil genug fühlst, mit negativen Emotionen umzugehen, kann die Begegnung mit deinem Körper warten und gemeinsam mit deiner Therapeutin, deinem Therapeuten oder Coach durchgeführt werden.

 

Was ich mir gesagt habe, war: „Saskia, du kannst nicht erwarten, einen schönen Garten zu haben, in dem die Blumen blühen oder Obst und Gemüse wächst, wenn du nie in den Garten gehst, um die Blumen zu gießen oder Samen zu säen. Wenn du also eine gesunde, starke und stabile Beziehung zu dir selbst haben möchtest, musst du aufhören, vor dir selbst wegzulaufen, dich um jeden Preis zu meiden und deinen Wert aus dem Außen zu schöpfen.“

Nachdem ich den Spiegel in den letzten zwei Jahren weitestgehend gemieden habe, habe ich vor einiger Zeit angefangen, mich bewusst angezogen oder in Unterwäsche vor den Spiegel zu stellen. Während am Anfang allein der Blick in den Spiegel Überwindung gekostet hat, konnte ich mit der Zeit zu einem neutralen Beobachter werden. Seit einer Woche gelingt es mir sogar, mich anzuschauen, mir zu sagen, dass ich schön bin und es auch so zu meinen.

 

Außerdem entscheide ich mich jeden Tag aufs Neue, meine gesunden Routinen beizubehalten. Yoga zu machen und zu meditieren, selbst wenn es bedeutet, dass an diesem Tag ein anderes To-Do auf meiner Liste unerledigt bleibt. Mir zeigt das, dass ich mich zur wichtigsten Person mache und mein Wohlbefinden an erster Stelle steht.

 

Damit geht auch einher, dass ich mich traue, immer öfter für mich einzustehen, meine Meinung zu sagen und damit auch das Risiko einzugehen, statt Lob und Anerkennung einzuheimsen, anzuecken, ggf. nicht mehr gemocht zu werden. Ich muss nicht von jedem gemocht werden, wenn ich mich selbst mag.

Je öfter ich mir begegne, desto stärker wird die Verbindung zu meinem Körper und meiner Intuition. In letzter Zeit nehme ich meine Bedürfnisse ganz anders wahr. Empfinde Hunger und Sättigung anders. Spüre genau, welche Lebensmittel ich brauche. Darüber hinaus aber auch, wie es mir eigentlich wirklich geht. Wie es mir geht, wenn ich Anforderungen nicht gerecht werde, Erwartungen nicht erfülle, Idealen nicht entspreche, meinen Wert nicht aus dem Außen schöpfe, sondern aus mir. Einzig und allein aus mir. Und das ist hart. Verdammt hart zum Teil.

 

Meine Emotionen fahren Achterbahn, ich fühle mich am einen Tag wohler, mutiger und stärker denn je und struggle am anderen Tag mit all den Gefühlen, die so lange unterdrückt wurden. Aber ich weiß, dass Vertrauen zu einem Menschen, den man gerade erst kennenlernt, nicht von heute auf morgen entsteht. Ich gebe mir Zeit, dieser Mensch zu sein. Mich kennen- und im besten Fall auch lieben zu lernen.

 

Alles Liebe,

deine Saskia

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Kommentare: 2
  • #1

    Cara (Donnerstag, 02 Juni 2022 17:04)

    Super schöner Artikel, liebe Saskia, habe ihn gerade so gern gelesen:-)

  • #2

    Manu (Dienstag, 07 Juni 2022 21:19)

    So ein wunderschöner Beitrag.

    Toll geschrieben. ���