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#37 Die Angst vor der Zunahme

Den Wunsch nach Heilung entwickeln – das ist leicht. Man merkt eigentlich recht schnell, dass ein Leben mit Essstörung weder lebens- noch erstrebenswert ist. Einsamkeit. Isolation. Selbstzerstörerische Gedanken. Gründe, aus denen man sich nach einem befreiten, erfüllten und glücklichen Leben sehnt.

 

Einfach losgehen und die Essstörung hinter sich lassen, ist für die meisten aber unmöglich. Was uns zurückhält, ist die Angst. Angst vor bestimmten Lebensmitteln. Angst vor einem Rückfall. Angst vor der Leere, die bleibt, wenn die Essstörung nicht mehr da ist. Vor allen Dingen aber Angst vor der Zunahme.

 

Die Angst vor der Zunahme hat mich lange Zeit gehindert, überhaupt aktiv zu werden und für Heilung loszugehen. Erst hatte ich den illusorischen Wunsch, meine Essstörung zu heilen, ohne zuzunehmen. Etwas später habe ich mich zwar auf die Zunahme eingelassen, mir aber ein konkretes Zielgewicht gesetzt. Ein Gewicht, mit dem ich mich gerade so anfreunden konnte. „Bis hierhin und nicht weiter.“

 

Das führte letztendlich dazu, dass ich mich über mehrere Jahre hinweg in einem Zustand der Quasi-Recovery wiedergefunden habe. Nicht mehr 100% essgestört. Aber auch nicht 100% gesund. Eine Menge Regeln, Verbote, Zwänge. Viel Sport. Alles andere als frei.

Essstörung heilen ohne Zunahme?

Der Wunsch, die Essstörung zu heilen, ohne (oder nur bis zu einem bestimmten Gewicht) zuzunehmen, basiert auf einem essgestörten Gedanken. Und genau da liegt das Problem: Essgestört aus der Essstörung. Das funktioniert nicht.

 

Die Zunahme ist nicht nur wichtig, um körperlich, sondern auch um mental heilen zu können. Vielleicht hast du schon einmal etwas von der Set-Point-Theorie gehört. Über diese Theorie möchte ich demnächst einen eigenen Blogbeitrag schreiben.

So viel vorweg: Laut der Set-Point-Theorie hat jeder Mensch ein natürliches, für ihn vorgesehenes Gewicht. Die Theorie besagt, dass sich das Körpergewicht auf natürliche Weise – sprich, ohne Kompensationsstrategien oder Verbote – einpendelt, wenn man regelmäßig und ausreichend isst. Solange wir unserem Körper dieses Gewicht nicht zugestehen, signalisieren wir ihm, im Überlebensmodus zu sein. Und solange wir im Überlebensmodus sind, können wir viele unserer essgestörten Verhaltens- und Denkmuster nicht ablegen.

 

Gedanken, die sich rund um die Uhr ums Essen drehen, der allgegenwärtige Bewegungsdrang, ... Das sind Dinge, die nicht von irgendwoher kommen. Es handelt sich um Überbleibsel aus der Steinzeit. Clevere Schachzüge unseres Körpers, mit denen er uns zeigen will, dass es an der Zeit für Nachschub ist. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass viele dieser essgestörten Denk- und Verhaltensmuster verschwinden, je näher man seinem Set-Point kommt.

 

Auch für die Funktion verschiedenster Körperprozesse sind Zunahme und Normalgewicht essenziell: Der weibliche Zyklus, Stoffwechselfunktionen, das Immunsystem und und und...

 

Um ganzheitlich, also auf körperlicher, geistiger und seelischer Ebene, heilen zu können, müssen wir unserem Körper also die nötige Energie zur Verfügung stellen und uns von dem essgestörten Idealbild lösen. 

Den Widerstand gegen die Angst aufgeben

Darauf kannst du mit Ablehnung oder Akzeptanz reagieren. Ablehnung gleicht einem Kampf, kostet Energie und verlangsamt letztendlich nur deinen Heilungsprozess. Akzeptanz bedeutet in erster Linie „annehmen“.  „Ja“ sagen zu allem, was der Heilungsweg bereithält. Dazu gehören Dinge, die wir als „richtig“ oder „schön“ erachten: Von Herzen lachen. Wieder mehr ins Spüren kommen. Aber eben auch Dinge, die wir als „falsch“ oder „unschön“ begreifen: Die Konfrontation mit angstbehafteten Lebensmitteln. Oder die Zunahme.

 

Du musst die Zunahme nicht gut finden. Du musst sie nur akzeptieren. Den Widerstand gegen sie aufgeben. Der Erfahrung zustimmen. Darauf vertrauen, dass du damit zurechtkommen wirst. Denn das wirst du! 

 

Auch ich habe irgendwann den Druck rausgenommen und angefangen, meinem Körper zu vertrauen. Das ist schwer, weil Zunehmen ein Prozess ist, von dem wir im Voraus nicht wissen, wie lange er dauern oder wo er uns hinführen wird. Wir können aber nicht erwarten, dass unser Körper lernt, uns wieder zu vertrauen und dass er aus dem Überlebensmodus aussteigt, wenn wir unserem Körper im Gegenzug nicht mit demselben Vertrauen begegnen. Ich habe eines Tages die Entscheidung getroffen, loszulassen. Die Kontrolle abzugeben. Ich habe aufgehört, Kalorien zu zählen oder bestimmte Lebensmittel aus meiner Ernährung zu streichen. Dass mein Körper darauf mit der Zunahme reagiert, ist okay. Es macht mir Angst, ja. Aber es ist okay.

Angst ist die Erwartung von Schmerz

Im Grunde genommen hat unsere Angst nichts mit der gegenwärtigen Situation zu tun. Sie basiert auf Erfahrungen aus der Vergangenheit, die wir nicht bewusst verarbeitet oder geheilt haben.

Damit du verstehst, wie ich das meine, erzähle ich dir am besten von meiner Geschichte: Denn auch meine Angst vor der Zunahme hat ihren Ursprung in einer Zeit, die inzwischen über 10 Jahre zurückliegt. Damals habe ich mich in meinem (gesunden, normalgewichtigen) Körper extrem unsicher gefühlt. Ich habe mich und die Welt um mich herum als extrem bedrohlich erlebt, weshalb ich in einem permanenten Zustand von Anspannung lebte. 

Was du verstehen darfst, ist, dass Angst nichts per se Schlechtes ist. Prinzipiell versucht sie, uns zu schützen. In meinem Unterbewusstsein sind ein gesunder, normalgewichtiger Körper und negative Emotionen wie Unsicherheit, Bedrohung und Anspannung eng miteinander verknüpft. Die Angst ruft in der Gegenwart den Schmerz aus der Vergangenheit hervor, um mich vor einer erneuten Enttäuschung oder einem erneuten Schmerz zu schützen. Mein Unterbewusstsein ist überzeugt davon, dass für mich keine Gefahr besteht, mich erneut unsicher, bedroht, ängstlich oder angespannt zu fühlen, solange ich dünn bin.

Was mein Unterbewusstsein noch nicht verstanden hat, ist, dass ich nicht mehr das Mädchen von früher bin. Ich habe Klinikaufenthalte und Therapie hinter mir. Ich habe Bücher gelesen und mich mit Persönlichkeitsentwicklung auseinandergesetzt. Ich habe Coaching-Programme gemacht und Menschen kennengelernt, von denen ich eine Menge lernen durfte. Ich bin älter und reifer geworden. Ich habe mein Bewusstsein erweitert. Ich habe mich entwickelt. Ich bin stärker geworden.

 

Mein „neues Ich“ weiß, dass ich einen Körper habe, aber nicht mein Körper bin. Mein „neues Ich“ weiß auch, dass ich liebenswert bin, unabhängig davon, wie viel ich wiege. Und genau deshalb wird mein „neues Ich“ auch mit der Zunahme zurechtkommen.

 

Hinschauen und -fühlen gibt uns die Möglichkeit, einen neuen Blickwinkel auf die Erfahrung aus der Vergangenheit einzunehmen. Angst ist eine Emotion, die sich zunächst nicht wirklich gut anfühlt. Deshalb versuchen wir, alles, was uns Angst macht, zu meiden. Ich möchte dir heute vor allen Dingen eines mitgeben: Es gibt nichts, was du fürchten musst, weil du mit allem umgehen kannst. 

Neue Erfahrungen machen

Natürlich reicht es nicht, einzig und allein einen neuen Blickwinkel einzunehmen. Um die Angst zu transformieren und letztendlich heilen zu können, müssen wir neue Erfahrungen machen. Jede neue Erfahrung bringt dich zu neuen Erkenntnissen. Ob es die Erkenntnis ist, dass du nicht weniger liebenswert bist, nur weil du mehr wiegst oder aber, dass du gut bist, so wie du bist. Sei neugierig, neue Erfahrungen zu machen. Sei mutig, neue Erfahrungen zu machen.

 

Wenn du weiterhin deiner Angst folgst und nichts wagst, das dich aus deiner Komfortzone bringt, kannst du dich nicht entwickeln. Du wirst für immer eine Raupe bleiben. Don’t get me wrong – nichts gegen Raupen ;) Worum es geht, ist, dass in dir eigentlich das Potenzial eines Schmetterlings liegt. Wäre es nicht schade, dieses Potenzial nicht zu nutzen?  

 

Für deine Essstörung gibt es nichts Schlimmeres als die Nachricht, dass du etwas in deinem Leben verändern oder tun möchtest, das außerhalb deiner Komfortzone liegt. Eine Essstörung ist ein Sicherheitskonstrukt. Und unser Unterbewusstsein liebt nichts mehr als Sicherheit. Veränderung hingegen macht ihm Angst. Veränderung bedeutet Bedrohung. Zunehmen bedeutet Veränderung. Folglich ist Zunehmen eine Bedrohung. Das Problem? Ein Konstrukt kann brechen. Eine Essstörung ist nicht sicher. Sicherheit und Vertrauen kannst du in dir finden. Die Essstörung brauchst du dafür nicht.

 

Die erste Hürde, die du nehmen darfst, ist also die, deiner Ängste und Zweifel. Inmitten meiner Sportpause ist die Gewichtszunahme auch für mich nach wie vor ein Commitment, das ich jeden Tag aufs Neue eingehe. 

Und natürlich ist das alles andere als leicht. Auch ich habe Tage, an denen ich an mir und dem Heilungsweg zweifle. Tage, an denen ich morgens am liebsten liegen bleiben und aufgeben würde, weil mir der Weg zu anstrengend ist. Tage, an denen die Gedanken der Essstörung so laut und überwältigend sind, dass ich mir selbst beinahe nicht abkaufe, dass da wirklich nichts dran ist. Tage, an denen ich mich frage „Wofür das alles?“.

 

An solchen Tagen versuche ich nicht aus dem Affekt, sondern aus der Vernunft heraus zu handeln.

Ich erinnere mich daran, dass ich mir die Frage nach dem „Warum“ längst beantwortet habe: Eine eigene Familie, Reisen, ein langes und erfülltes Leben. Es mag sein, dass es kurzzeitige Befriedigung schaffen würde, den essgestörten Gedanken und Gefühlen nachzugeben. Langfristig würde es mich aber weder glücklich machen noch ans Ziel führen. 

 

Ich weiß, dass das unglaublich schwer sein kann. Deshalb möchte ich noch einen Gedanken mit dir teilen, der mir gerade zu Beginn meines Heilungswegs geholfen hat. Die anfängliche Zeit der Recovery, insbesondere die Zunahme, habe ich als eine Art „Experiment“ betrachtet. Ich habe mir immer wieder gesagt, dass ich zurück in die Essstörung kann, wenn es wirklich nicht besser wird. Eine Art Hintertürchen.

 

Dieses Hintertürchen ist immer verschlossen geblieben. Ja, die Recovery ist anstrengend und kräftezehrend. Und doch ist sie kein Vergleich zu all dem Schmerz, den ein Leben mit Essstörung mit sich bringt. Heute ist die Essstörung keine Option mehr für mich. Auch an schweren Tagen denke ich nicht mehr darüber nach, rückfällig zu werden. Schritt für Schritt wird Heilung leichter. Schritt für Schritt merke ich, dass Heilung sich lohnt. Inzwischen habe ich erkannt, dass eine Zunahme nicht bedeutet, „dicker“ zu werden. Sondern mehr leben, lieben und lachen zu können.  Schritt für Schritt weniger die Essstörung und mehr "Saskia" zu sein.

 

Alles Liebe,

deine Saskia

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Kommentare: 2
  • #1

    Laura (Mittwoch, 16 Juni 2021 21:41)

    Liebe Saskia,

    du schreibst hier wirklich so viele wundervolle und auch liebevolle Worte. Ich fühle mich wirklich abgeholt und verstanden. Danke für diese kleine Hilfe, die so viele große Dinge bewirken kann :)

  • #2

    Mira (Montag, 21 Juni 2021 19:03)

    Ich danke dir!
    Ich verstehe grade nicht, was bei mir los ist…warum es immer noch so schmerzhaft und schwer ist dem Gesunden zu folgen. Deine Worte haben mir geholfen, meine Situation zu verstehen und das es zum Gesund werden wohl dazu gehört ❤️‍�