· 

#09 Ich entscheide mich für Heilung, weil...

Nichts in meinem bisherigen Leben hat mir so viel Willenskraft, Durchhaltevermögen und Stärke abverlangt, wie die Heilung meiner Essstörung. Die Heilung der Essstörung ist eine Prüfung, der ich mich jeden Tag stellen muss. Sie ist wie eine Achterbahnfahrt. Ein Auf & Ab. Drei Schritte vor und zwei zurück.

 

Es gibt Tage, an denen es mir gut geht. Wirklich gut geht. An solchen Tagen bin ich fest davon überzeugt, dass sich meine harte Arbeit auszahlen wird und ich eines Tages frei bin. Und dann gibt es Tage, an denen ich verdammt verzweifelt und verunsichert bin. Und an solchen Tagen frage ich mich:

Lohnt sich die Heilung der Essstörung?

Letzte Woche habe ich mich dabei erwischt, wie ich darüber nachdachte, aufzugeben. Wieder einmal.

 

Aber weißt du was? Aufgeben - das habe ich schon probiert. Ich hatte so viele Rückfälle, weil ich an entscheidenden Punkten in meiner Komfortzone geblieben bin und mich nicht getraut habe meine Essstörung zu heilen. Ich bin zurück in die Arme des Monsters geflüchtet.

Und eins weiß ich sicher: Das hat sich absolut nicht gelohnt.

 

Ich habe heute die Augen geschlossen und darüber nachgedacht, wieso ich eigentlich gesund werden will. Diese Gedanken möchte ich mit dir teilen.

Ich entscheide mich für die Heilung meiner Essstörung, ...

...um auf eigenen Beinen zu stehen. Zu keiner Zeit in meinem Leben war ich so abhängig von anderen, wie in den dunkelsten Zeiten meiner Essstörung. Ich konnte weder eigene Entscheidungen treffen, noch konnte man mich allein lassen. Die Heilung meiner Essstörung bedeutet erwachsen zu werden, für mich einzustehen, für mich zu sorgen und mir mein Leben zu erschaffen. 

 

...um meine Periode wiederzubekommen und Mama zu werden. Mama zu werden ist mein größter Wunsch. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als eines Tages Kinder auf die Welt zu bringen, denen ich die Welt zeige, mit denen ich Waffeln backe und Teig nasche oder mit denen ich in den Zoo gehe. Ich möchte, dass meine Kinder eine gesunde Beziehung zu ihrem Körper entwickeln und auf keinen Fall riskieren, dass sie selbst eine Essstörung bekommen, weil ihre Mama kein normales Essverhalten hat.

 

...um die Zeit mit meiner Familie zu genießen. Eine Essstörung wirkt sich nicht nur auf dich, sondern auch auf deine Familie aus. Meine Familie hat meinetwegen so viel durchgemacht. Ich habe sie nicht mehr an mich rangelassen. Es gab jeden Tag Streit. Meine Eltern und mein Bruder hatten Angst, dass ich sterbe. Ich will das wieder gut machen. Ihnen zeigen, wie dankbar ich bin, dass sie, auch wenn sie allen Grund dazu gehabt hätten, nie aufgehört haben an mich zu glauben. Ich möchte mit ihnen lachen und ihnen eine Million Mal sagen, wie sehr ich sie liebe. 

 

...um nicht mehr andauernd zu frieren. Immer zu frieren ist so anstrengend. In meiner alten Firma gab es klare Kleidungsvorgaben, die ich fast nie einhalten konnte, weil mir permanent kalt war. Ich bin mit Wärmflasche aus dem Haus gegangen, konnte meine Freunde nicht auf den Weihnachtsmarkt begleiten und noch nicht einmal lüften. Ich möchte jede Jahreszeit in vollen Zügen genießen. Im Sommer baden gehen, im Winter Schneespaziergänge machen. 

 

...für Geburtstagskuchen, Schokolade und Peanutbutter. Das sagt alles, oder? Spaß beiseite, es gibt so viele Leckereien auf diesem Planeten. Ich möchte mir nichts mehr verbieten. Ich möchte essen können, was ich will und wann ich will und weder davor noch danach kein schlechtes Gewissen haben. Ich möchte auch Dinge probieren, die ich noch nie zuvor gegessen habe. 

 

...um Freundschaften zu pflegen. Während meiner Essstörung habe ich es gehasst unter Leute zu gehen. Ich habe jedes Treffen abgesagt und wenn ich doch irgendwo dabei war, habe ich eine Maske getragen. Ich war nicht ich selbst. Mittlerweile freue ich mich wieder, wenn ich mich mit meinen Freunden treffe. Ich bin nicht nur physisch anwesend, sondern rede und lache mit ihnen. 

 

...um zu verreisen. Die Essstörung hat es unmöglich gemacht nach meiner Schulzeit ein Auslandsjahr zu machen oder großartig zu verreisen. Deswegen gibt es so viele Orte, an denen ich noch nie war und so vieles, das ich noch sehen möchte. Ich möchte nicht am Strand von Hawaii liegen und mich für meinen Körper schämen. Ich möchte nicht durch die Märkte von Thailand schlendern und mich nicht trauen, die leckersten Mangos der Welt zu essen. Oder in die größten Einkaufszentren in NYC gehen aber nichts kaufen können, weil mir alle Klamotten zu groß sind. 

 

...um mich zu entfalten. Meine Essstörung hat mich komplett verändert. Ich war nicht mehr Saskia. Alles woran ich gedacht habe, was meinen Alltag bestimmt hat und womit ich mich identifiziert habe, war die Essstörung. Ich möchte die Möglichkeit haben, mich persönlich weiterzuentwickeln. Ich möchte mir selbst Raum schaffen herauszufinden, wo meine Stärken, meine Schwächen (die halt auch dazugehören und absolut okay sind) und meine Interessen liegen. 

 

...um von Herzen zu lachen. Während der Essstörung war ich ein Roboter! Ich habe nie gelacht, mein Leben war wie ein Schwarz-weiß-Film. Monoton. Keine Farben. Ich war zwar am Leben aber habe nicht gelebt. Als ich das erste Mal wieder wirklich gelacht habe, war das Gefühl so absurd, dass ich gleich danach in Tränen ausgebrochen bin. Ich konnte nicht mit diesen Emotionen umgehen, habe aber gemerkt, dass es davon mehr in meinem Leben geben sollte. Ich möchte also aus tiefstem Herzen glücklich sein und lachen können. 

 

...um mindestens 100 Jahre alt zu werden. Die Essstörung bringt dich um. Wenn du dich nicht für die Heilung entscheidest, wirst du früher oder später an deiner Essstörung und ihren Folgen sterben. Ich will nicht sterben. Und was spielt der Sixpack oder die Thigh-Gap noch für eine Rolle, wenn du alt bist? Das Leben hat so viel mehr zu bieten. 

 

...um ein Vorbild für andere zu sein. Ich möchte zeigen, dass es einen Weg aus der Essstörung gibt und beweisen, dass es sich lohnt dranzubleiben, niemals aufzugeben und stark zu sein!

 

Glaube nicht deiner Essstörung, die dich schwächt und dir einredet, dass du es nicht wert bist.

Glaube mir, wenn ich dir sage, dass du stark und es absolut wert bist!


Lohnt es sich? Ja, verdammt!


Ich habe eine pdf-Datei erstellt, die du dir gerne ausdrucken und immer bei dir tragen oder aufhängen kannst. Sie wird dir helfen auch an schweren Tagen nicht aus den Augen zu verlieren, wieso es sich lohnt diesen Weg zu gehen. Du schaffst das!

Alles Liebe,

deine Saskia 


Kommentar schreiben

Kommentare: 1
  • #1

    Lara (Donnerstag, 28 Januar 2021 18:19)

    Das sind so wundervolle wertvolle Sätze die du da schreibst. Danke vom Herzen dafür.
    Alles Liebe Lara