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#29 Sport- und Bewegungsdrang bei Essstörungen - Was hilft wirklich?

Ich weiß noch genau, wie sehr ich mich gefreut habe, als mich die erste Nachricht über das Kontaktformular auf meinem Blog erreicht hat. Obwohl es mir nicht um die große Reichweite geht, finde ich den Austausch und die Interaktion mit dir extrem wertvoll. Einerseits, weil ich mir von Herzen wünsche, dir helfen zu können, und das geht natürlich am besten, wenn du mir auch etwas von dir erzählst. Andererseits aber auch, weil dein Feedback, deine Anregungen und Impulse mir bei der Themenfindung oder der Gestaltung zukünftiger Beiträge helfen.

 

Ein Thema, das in so gut wie jeder Nachricht, die mich erreicht, angesprochen wird, ist der Sport- und der Bewegungsdrang. Genau darum soll es heute gehen.

Ich habe schon einmal einen Beitrag über den Sportzwang geschrieben. Seitdem habe ich mich mit meinen Äußerungen zu diesem Thema eher zurückgehalten. Ich möchte ehrlich zu dir sein und dir erzählen, warum es mir bislang schwerfiel, Fragen dazu zu beantworten: Weil es mir extrem wichtig ist, sowohl hier als auch auf Instagram authentisch zu sein und mich der Sport- und Bewegungsdrang selbst noch stark beschäftigt. Ich war überzeugt, dass ich es mir unter diesen Umständen nicht erlauben kann, Tipps oder Ratschläge mit auf den Weg zu geben. Dass ich selbst kein gutes Vorbild bin und deswegen lieber nichts sage.

 

Aber vielleicht ist es genau das, was du heute brauchst. Vielleicht kann ich dir, insbesondere weil ich da selbst noch mit zu kämpfen habe, das Gefühl vermitteln, dass du nicht allein bist. Und vielleicht kann ich dich ermutigen, diesen Weg mit mir zu gehen, indem ich dich an meinen Gedanken und Überlegungen teilhaben lasse.

Körper und Geist heilen

Um ehrlich zu sein, fällt es mir schon seit dem Beginn meiner Recovery schwerer, dem Sport- und Bewegungsdrang standzuhalten, als mehr zu essen. Sport und Bewegung haben mich immer beflügelt. Sie gaben mir das Gefühl, das Essen verdient zu haben. Gleichzeitig sitzt einem die Essstörung im Nacken. Essen? Ja. Zunehmen? Wenn es sein muss. Wenn möglich, aber hauptsächlich Muskeln und kein Fett. Unter diesen Umständen lassen wir weder Körper noch Geist zurück zu ihrem natürlichen Zustand finden. Wir versuchen unseren Körper weiterhin in Schach zu halten, ihn zu formen und die Kontrolle zu behalten. Dass der Geist unter diesen Umständen nicht heilen kann, erklärt sich von selbst, oder?

Wie die heutige Gesellschaft dazu beiträgt

Es liegt also auf der Hand, dass wir auf dem Heilungsweg Mittel und Wege finden müssen, mit dem Sport- und Bewegungsdrang umzugehen. Ihn in positivem Sinne loszuwerden oder zumindest abzulösen. Die heutige Gesellschaft macht uns dieses Vorhaben sehr schwer: zum einen, weil es anerkannt ist, viel Sport zu machen und fit zu sein. Sogar der Spaziergang hat sich durch die Corona-Pandemie zum Volkssport für die breite Masse entwickelt. Zum anderen aber auch, weil auf uns permanenter Leistungs- und Optimierungsdruck lastet. Schon in der Kindheit werden wir von unseren Eltern oder Lehrern darauf gepolt, dass wir ausdauernd und diszipliniert sein müssen, wenn wir etwas erreichen wollen. Auch mal die Zähne zusammenbeißen. Sich zusammenreißen. Dass man eigentlich schon längst nicht mehr kann wird ignoriert. In vielen Menschen haben sich negative Glaubenssätze wie „Ohne Fleiß, kein Preis.“ oder „Ich muss etwas leisten, um geliebt zu werden.“ tief verwurzelt.

Das steinzeitliche Notfallprogramm

Gepaart mit dem Gedanken der Essstörung, dass Inaktivität automatisch zur Gewichtszunahme führt, ist es eigentlich kein Wunder, warum es uns so schwerfällt, einfach mal „nichts zu tun“. Als mir in der Klinik damals jedoch gar keine andere Wahl gelassen und mir striktes Bewegungsverbot erteilt wurde, konnte ich kaum glauben, wie erschöpft ich mich auf einmal fühlte. Bis zu dem Zeitpunkt war es kein Problem für mich gewesen, trotz Untergewicht mehrere Sporteinheiten die Woche abzureißen oder lange Strecken zu Fuß zu gehen.

 

Eine mögliche Erklärung für dieses „Phänomen“ liefern die Theorien des steinzeitlichen Notfallprogramms von Regina Casper und Shan Guisinger: Bei längeren Hungerphasen verändert sich der körpereigene Hormonstoffwechsel. Leptin (das Hormon, das für unsere Sättigung verantwortlich ist) wird unterdrückt. Gleichzeitig werden verstärkt Opiate ausgeschüttet. Dadurch fühlen sich Menschen mit Essstörung voller Euphorie und Tatendrang. Bereits vor mehreren Millionen Jahren nutzten steinzeitliche Jäger und Sammler dieses „Programm“ (damals natürlich völlig unbewusst), um ihre Kraftreserven zurückgreifen und weiter auf Nahrungssuche gehen zu können. Die Opiatproduktion und -ausschüttung stellt sich ein, sobald man zur Ruhe kommt. Das führt dazu, dass man sich auf einmal sehr ausgelaugt, schlapp und müde fühlt.

Ein Pendant, das viele aus dem Alltag kennen und diesen doch recht komplexen Sachverhalt hoffentlich noch verständlicher werden lässt: Viele Menschen werden krank, sobald sie Urlaub haben. Dem liegt das gleiche Prinzip zugrunde – solange Arbeitnehmer oder -geber Stress im Job haben und „funktionieren“ müssen, hat der Körper gar keine Zeit, schlappzumachen. Wenn sie dann im Urlaub erstmals Ruhe finden, holt der Körper sich zurück, was ihm verwehrt wurde.

 

Obwohl die Theorien von Regina Casper und Shan Guisinger bislang durch keine fundierten Studien belegt wurden, halfen sie mir, meinen Sport- und Bewegungsdrang zu verstehen, ihn besser annehmen zu können und das Gefühl zu dimmen, dass ich schlichtweg zu schwach bin, ihm standzuhalten. 

Reicht es aus, "gesunde Alternativen" zu finden?

Über das Verständnis für den Sport- und Bewegungsdrang hinaus geht es aber natürlich auch darum, Wege zu finden, mit ihm umzugehen. Gerade weil mich das Thema selbst noch beschäftigt, kenne ich den gut gemeinten Ratschlag vom „Alternativen finden“ und weiß, dass dieser nur bedingt hilft. Ja, es ist wichtig, sich die Zeit, die man bislang dem Sport und der Bewegung gewidmet hat, mit möglichst vielen positiven Dingen zu füllen, die zum einen ablenken, zum anderen Spaß machen, sodass man mit der Zeit feststellt, dass es gar nicht so schlimm ist. Auch für mich stellen das Schreiben, Lesen, Yoga und Meditation gesunde Alternativen zum exzessiven Sport- und Bewegungsdrang dar.  Nichtsdestotrotz weiß ich, dass der Drang teilweise so überwältigend sein kann, dass man sich ohnehin nicht auf die gesunden Alternativen einlassen kann. Dass er teilweise übermächtig zu sein scheint, sodass man das Gefühl hat, gar keine andere Wahl zu haben, als ihm nachzugehen. Dass die Stimmen erst dann leiser werden, wenn man die Sportschuhe schnürt, um die vierte Runde um den Block zu gehen. Oder die nächsten 40 Kniebeugen macht.

Du musst es wollen!

Deswegen ist es essenziell, den Sport- und Bewegungsdrang wirklich – und damit meine ich aus tiefstem Herzen – ablegen zu wollen. Genauso wichtig wie dein Wissen darüber, dass du es willst, ist das Wissen über die Gründe, aus denen du es willst. Denn darauf kannst du in Momenten, in denen es drauf ankommt, zurückgreifen. Du kannst es dir ins Gedächtnis rufen, an deine Vernunft appellieren und schaffst es so viel eher, dem Drang standzuhalten. Und je öfter du das schaffst, desto einfacher wird es. Denn du darfst nicht vergessen, dass es sich auch bei deinem Sport- und Bewegungsdrang zu einem nicht unerheblichen Teil schlichtweg um eine Gewohnheit handelt. Das Gute ist, dass wir uns die allermeisten Dinge, die wir uns angewöhnt haben, auch wieder abgewöhnen können. Vielleicht nicht von heute auf morgen. Aber mit der Zeit.

Weitere Tipps, die helfen können:

  • Eingestehen und thematisieren: Brich dein Schweigen und sprich mit deinem Therapeuten über deinen Sport- und Bewegungsdrang. Halte ihn nicht hinter verschlossenen Türen, um die Kontrolle darüber behalten zu können. Das Gefühl, die Kontrolle behalten zu müssen, ist ein Trugschluss, weil es zeigt, dass du sie längst verloren hast.
  • Unterstützung durch die Familie und Freunde: Hol dir die Unterstützung deiner Familie oder Freunde. In besonders schwierigen Momenten hilft es oftmals, mit uns nahestehenden Personen über unsere Gedanken und Gefühle zu sprechen oder einfach nur in den Arm genommen zu werden und gesagt zu bekommen, dass alles gut wird.
  • Alternativen kennen, finden, ausprobieren: Wie bereits erwähnt, ist es wichtig, Alternativen zu haben, die dir helfen, dich abzulenken, um dem Drang besser standhalten zu können. Du kannst dir eine Liste mit Beschäftigungsmöglichkeiten anlegen (oder, diese von mir erstellte Liste verwenden), aber auch neue Dinge ausprobieren. Wie wäre es mit Meditation, Malen oder der Gestaltung eines Vision Boards? Besonders schön finde ich Beschäftigungen, bei denen der Fokus nicht auf unserem Körper liegt.
  • Schrittzähler und Fitnessuhren ausschalten bzw. ablegen: Mach es dir nicht unnötig schwerer, als es ohnehin schon ist. Schrittzähler und Fitnessuhren können dich in einer Zeit, in der du psychisch unglaublich herausgefordert wirst, triggern und dazu verleiten, dein Ziel aus den Augen zu verlieren.
  • Einen „gesunden Bewegungsplan“ erstellen: Gemeinsam mit deinem Therapeuten oder deiner Vertrauensperson kannst du dir einen gesunden Bewegungsplan erstellen, an den du dich hältst. Den Sport- und Bewegungsdrang abzulegen, bedeutet nicht, dass du dich überhaupt nicht mehr bewegen darfst. Es geht allerdings darum zu überlegen, welches Pensum vernünftig, angebracht und sinnvoll ist.
  • Vergebung: Die wenigsten Dinge auf dem Weg aus der Essstörung funktionieren von heute auf morgen. Es ist völlig normal und okay, dass du dem Drang nicht immer standhalten kannst und Rückschläge erlebst. Wichtig ist, dass du dir dafür vergibst, nicht den Kopf in den Sand steckst und dich daran erinnerst, dass morgen ein neuer Tag ist.  

 

Auch ich werde weiter an meinem Verhältnis zum Sport und der Bewegung arbeiten. Natürlich nehme ich dich sowohl hier als auch auf Instagram auf meine Reise mit. Gemeinsam schaffen wir es!

 

Alles Liebe,

deine Saskia


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Kommentare: 1
  • #1

    Tamara (Dienstag, 27 April 2021 16:24)

    Danke dir für diesen Post. Habe gerade gestern ein Sportverbot auferlegt bekommen und bin ziemlich am Hadern. Ich weiss, dass dies die letzte Möglichkeit ist, die mich vor der Klinik bewahrt, aber meine Gefühle dazu wechseln gerade im Minutentakt. Fange schon an verhandeln....wenn....dann....evtl doch 2x 30min....
    Dein Post hat mir gerade noch einmal die Augen geöffnet. Danke dir