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#53 Mein Weg aus der Bulimie - 5 Dinge, die mir geholfen haben, den Kreislauf aus Essen und Erbrechen zu beenden

In all den Nachrichten, die mich über meinen Blog oder das Kontaktformular auf meiner Website erreichen, gibt es Fragen, die sehr häufig und immer wieder gestellt werden.

 

„Wie schaffe ich es, dem Teufelskreis aus Essen und Erbrechen zu entkommen?“, ist eine dieser Fragen.

Es ist Mitte Dezember und wir stehen kurz vor dem Jahreswechsel. Während die einen das alte Jahr noch reflektieren, malen sich die anderen schon die schönsten Visionen für das neue Jahr aus.

Ich erinnere mich noch sehr gut an eine Zeit, in der ich jedes Jahr aufs Neue eigentlich nur einen einzigen Vorsatz hatte: Nie wieder erbrechen!

 

Gleichzeitig erinnere ich mich aber auch an die Enttäuschung über mich selbst, wenn ich es kaum länger als einen oder zwei Tage ausgehalten habe. Ich erinnere mich an die Hoffnungslosigkeit und mein Gefühl, verloren zu sein. Es niemals schaffen zu können.

 

Ich bin zum jetzigen Zeitpunkt fast ein Jahr symptomfrei von meiner Bulimie. Damit möchte ich dir Mut machen und sagen, dass es möglich ist. Die letzten Tage und Wochen haben auch mich nachdenklich gestimmt und zum Reflektieren angeregt. In diesem Blogartikel möchte ich darauf eingehen, was mir geholfen hat, dem Teufelskreis aus Essen und Erbrechen zu entkommen. Ich hoffe, dass du dir daraus etwas mitnehmen und neues Vertrauen schöpfen kannst. In dich. In deinen Weg. In dein Leben – ohne Bulimie.

1.) Wofür steht deine Bulimie?

Fangen wir an mit dem ersten und wichtigsten, gleichzeitig aber auch schwierigsten Punkt, welcher lautet: Wofür steht deine Bulimie?

 

Wenn du meine Beiträge oder Podcastfolgen regelmäßig liest bzw. hörst, weißt du, dass mir eines immer besonders wichtig ist: Das Verständnis für die eigene Essstörung! Deine Essstörung ist nicht einfach nur so da. Deine Essstörung hat eine Daseinsberechtigung, weil deine Seele sich irgendwann nicht mehr anders zu helfen wusste. Ihr Sinn und Zweck ist nicht, dir zu schaden, sondern auf Missstände hinzuweisen mit dem Ziel, Körper, Geist und Seele wieder in Einklang zu bringen.

 

Die Frage „Wofür steht deine Bulimie?“ kann niemand beantworten, außer du selbst. Mein Blogartikel hat nicht den Anspruch, dir zu sagen, was sich über deine Bulimie auszudrücken versucht, dennoch möchte ich dir eine Idee geben, indem ich dir erzähle, was ich über die Jahre gelernt habe: 

 

Jeder Mensch durchläuft unterschiedliche Lebensphasen. Es gibt drei Lebensphasen, in denen sich psychische Erkrankungen wie Essstörungen häufig bemerkbar machen. Oftmals entsteht die Essstörung in der Pubertät, wo sich die Persönlichkeit eines Kindes entwickelt. Genauso kritisch sind die Zeitpunkte zwischen dem 20. und 25. sowie dem 35. und 40. Lebensjahr, wo sich die Fragen stellen „Wo will ich hin?“ bzw. „Soll es das gewesen sein?“. Die Essstörung ist eine Art, der eigenen Entwicklung auszuweichen und sich die wichtigen Fragen des Lebens nicht stellen zu müssen. Die Bulimie versucht die Leere zu füllen, indem sie durch Essanfälle Fülle vortäuscht. Fülle im Bezug auf den Körper, vor allen Dingen aber im Bezug auf das Leben. Oft haben wir aufgrund unserer Erziehung nicht gelernt, Fülle zu erlauben. Manchmal haben wir es aufgrund von äußeren Einflüssen aber auch einfach verlernt. Das ist der Grund, aus dem diese Fülle nicht auszuhalten scheint und wir uns durch das Erbrechen wieder davon freimachen. Die Bulimie wird zum Ventil. 

 

Herauszufinden, wofür deine Bulimie steht, soll den Druck auf dich nicht erhöhen. Es soll nicht bedeuten, dass du im Wissen um den Ursprung deiner Essstörung von heute auf morgen geheilt sein musst. Herauszufinden, wofür deine Bulimie steht, kann und wird aber einen wesentlichen Einfluss auf das Mitgefühl haben, welches du dir selbst entgegenbringst. Du schaffst es, Ess-Brech-Anfälle anders zu bewerten, weil du verstehst, auf welche Art sie dir dienen. Du schaffst es auch, dir die richtigen Fragen zu stellen und zu verstehen, dass du deine Bulimie nicht brauchst.

 

Das führt uns zu den anderen Punkten, die gegeben und erfüllt sein sollten, weil sie das Fundament bilden, auf dem dieser erste Punkt fußt. 

2.) Keine Restriktion!

Eine Essstörung lebt von Mangelernährung.

Über einen längeren Zeitraum schaltet unser Körper im Zustand der Mangelernährung in eine Art Überlebensmodus.

 

Mir ist es besonders wichtig, zu betonen, dass Mangelernährung nicht zwangsläufig „Untergewicht“ bedeutet. Eine Essstörung kann mit Untergewicht einhergehen, muss es aber nicht.

 

Insbesondere bei Bulimie ist es nicht unwahrscheinlich, dass der oder die Erkrankte Normalgewicht hat. 

Durch das Erbrechen werden wichtige Vitamine und Mineralien ausgeschieden, Organe werden angegriffen, der Blutzuckerspiegel, der während eines Essanfalls in die Höhe schnellt, flacht innerhalb kürzester Zeit ab. Erbrechen ist Stress für unseren Körper. Dieser Stress reicht aus, um unseren Körper in den Überlebensmodus zu versetzen. 

 

Unser Körper ist so raffiniert darin, unser Überleben zu sichern, dass körpereigene Funktionen und Prozesse im Energiesparmodus laufen. Sie werden verlangsamt (bspw. niedriger Herzschlag) oder sogar ausgesetzt (bspw. Ausbleiben der Periode). In seiner Cleverness setzt unser Körper alles daran, seine Ressourcen sorgsam und schonend einzusetzen. Wird ihm im Überlebensmodus Energie in Form von Nahrung zugeführt, passiert Folgendes: Er möchte vorsorgen – und zwar mit Nachdruck! Das ist der Grund, aus dem wir während des Essens in eine Art Rausch verfallen und gefühlt nicht mehr aufhören können. Das ist der Grund, aus dem Restriktion langfristig immer in einen Essanfall führt. 

3.) Keine Verbote!

Nicht mehr restriktiv zu essen ist das eine. Befreit von Zwängen und Verboten zu essen das andere. Es gab eine Zeit, in der ich „genug“ gegessen, mir aber trotzdem noch Lebensmittel verboten habe.

 

Während Obst, Gemüse und in meinen Augen „gesunde“ Lebensmittel kein Problem mehr darstellten, versetzten mich Zucker- oder Fetthaltiges in Angst und Schrecken. Meine Strategie war die Vermeidung. Einfach nicht mehr kaufen. Aus den Augen, aus dem Sinn. 

 

Das Problem war die damit einhergehende massive Einschränkung meiner Lebensqualität. Ich konnte auf keine Hochzeit gehen, ohne am Buffet über meine verbotenen Lebensmittel herzufallen und mir den ganzen Abend zu ruinieren, weil ich mich auf die Toilette verzog, während andere ausgelassen tanzten. Entgegen meiner eigenen Gedanken hatten die Ess-Brech-Anfälle nichts damit zu tun, dass ich undiszipliniert war oder mich nicht im Griff hatte. Auslöser waren die Verbote, die ich mir selbst auferlegt hatte.

 

Wie oft standen wir als Kinder mit unseren Eltern im Supermarkt oder Spieleland, wollten Süßigkeiten oder das neue Spielzeug. Und wenn wir das nicht bekommen haben, haben wir rebelliert und wollten es umso mehr. Ähnlich wie Kinder reagiert auch unser Körper auf Verbote. Essanfälle sind seine Form der Rebellion. Daher ist es essenziell, dass du aufhörst, Lebensmittel in „gut“ und „schlecht“ oder „erlaubt“ und „nicht erlaubt“ zu kategorisieren. 

Sich nichts mehr zu verbieten ist eine Entscheidung. Und diese Entscheidung ist natürlich mit Angst verbunden. Wahrscheinlich kannst du dich gar nicht mehr daran erinnern, wann du das letzte Mal Schokolade oder Pizza gegessen hast, ohne über die Stränge zu schlagen. Das schürt deine Zweifel, für immer zuzunehmen. Oder zu schnell zu viel zuzunehmen. Ich kenne das. Und ja, gerade am Anfang kann es sein, dass du dich nach wie vor überisst. Auch wenn sich das alles andere als gut anfühlt, kannst, wirst und darfst du dieses Gefühl aushalten. Es ist nur ein Gefühl. Es geht vorbei.

Mit jeder Mahlzeit, die du nicht erbrichst, zeigst du deinem Körper, dass er sicher ist. Dein Körper wird verstehen, dass einst verbotene Lebensmittel nicht länger für einen Essanfall oder Cheatday stehen, sondern du ihm diese zugestehst, weil sie dir schmecken. Du darfst essen, was dir schmeckt. Du darfst deine ganz eigene Definition einer gesunden Ernährung finden. Denn: Eine gesunde Ernährung ist nicht die, bei der Schokolade, Pizza und Co. verboten sind. Eine gesunde Ernährung bedeutet Balance. Die gesündeste Form der Ernährung ist die, mit der du dich wohlfühlst und die du vor allen Dingen lange aufrechterhalten kannst.

 

Dein Körper lernt, dass er nicht heute die ganze Packung Eis braucht, weil sie morgen nach wie vor erlaubt ist. Dein Körper lernt, dass ihm sowohl heute als auch morgen und übermorgen jeweils ein Schälchen ausreichen. Weil es ihm gut geht. Weil es dir gut geht. Weil ihr sicher seid.

4.) Gib dir ein Versprechen!

Während du diesen Text liest, ist dir mit Sicherheit schon der Gedanke gekommen, dass all das einfacher gesagt als getan ist. Ja, ist es! Vergiss nicht, dass Heilung ein Prozess ist und es Tage geben kann und geben wird, an denen die Fülle unerträglich wird, du es nicht aushältst und doch wieder erbrichst.

 

Ein Tag, an dem ich mich übergeben habe, war für mich lange ein verlorener Tag. Meistens waren auch die Tage danach schrecklich. Nicht nur, weil ich mich körperlich am Ende fühlte, sondern auch, weil ich Angst hatte, nicht alles losgeworden zu sein. Das führte dazu, dass ich umso restriktiver gegessen habe und mehr Sport machte. Schon hatte ich den Fuß wieder im Hamsterrad und alles ging von vorne los.

 

Irgendwann habe ich mir ein Versprechen gegeben. Es war das Versprechen, normal weiterzumachen – unabhängig davon, was in der Mahlzeit oder am Tag zuvor passiert ist. Das hat mir geholfen, nicht mehr wie von Sinnen in den Autopiloten zu schalten, alles in mich reinzustopfen und wieder loszuwerden, sondern bei mir zu bleiben und mich schon vor einem Essanfall zu fragen, ob sich das jetzt lohnt. Die Antwort war meistens ein klares Nein!

 

Normal weitermachen hieß für mich drei Hauptmahlzeiten und 2 Snacks. Keine Verbote. Keine Restriktion. Durch mein Versprechen konnte ich eine ausreichende und regelmäßige Versorgung meines Körpers sicherstellen. Wieso das so wichtig ist, habe ich dir bereits im ersten und zweiten Punkt erklärt. Darüber hinaus blieben durch die stetige Nahrungszufuhr der Heißhunger sowie die Essanfälle aus. Mein Körper war satt. Befriedigt. Immer mehr stellte sich das Gefühl ein, dass ich den Essanfall nicht brauche, weil es ohnehin in Kürze Mittag-, Abendessen oder eine Zwischenmahlzeit gibt. 

 

Hinzu kommt, dass das Erbrechen sowie die unzureichende Nahrungszufuhr infolge der Restriktion zu einem Vitamin- und Nährstoffmangel führen kann. Unser Körper ist auf den Selbsterhaltungstrieb ausgelegt und darauf, Selbstheilungsprozesse in Gang zu setzen. Dementsprechend versucht er solche Mängel auszugleichen, was ausschlaggebend für Essanfälle sein kann. Heißhunger auf Süßes kommt häufig von einem zu niedrigen Blutdruck oder Zinkmangel. Heißhunger auf Salziges spricht für einen Natrium-, Vitamin D-, Vitamin B1- oder B6-Mangel. Mit einem Blutbild können wir feststellen, was unserem Körper fehlt. Eine regelmäßige Nahrungszufuhr ohne Restriktion, Verbote und Erbrechen trägt automatisch dazu bei, dass es unserem Körper nach und nach besser geht. Dass er sich erholt. Ihm nichts mehr fehlt. Und Heißhunger letztendlich ausbleibt. 

5.) Umgang mit Rückfällen!

Ich habe bereits in früheren Beiträgen von meinen Rückfällen und dem Umgang damit erzählt. Trotzdem hat das Thema auch in diesem Artikel einen Abschnitt verdient, weil ich gar nicht oft genug sagen kann, dass es okay ist. Ich möchte, dass du nicht nur verstehst, sondern verinnerlichst, dass du kein Versager bist, wenn du es heute nicht geschafft hast. Du darfst heute die höchste Form des Mitgefühls aufbringen, dir verzeihen und morgen normal weitermachen.

 

Ein Rückfall ist keine Katastrophe. Er ist immer noch besser als sich jeden Tag zu quälen. Es ist und bleibt also ein Fortschritt. Ein Rückfall ist ein Zeichen dafür, dass du noch zu wenig Handlungsalternativen hast, die reibungslos ablaufen und auf die du, ohne großartig darüber nachzudenken, zurückgreifen kannst.

 

Je mehr Angst du vor dem Rückfall hast, desto mehr Druck übst du auf dich auf. Je mehr Druck du auf dich ausübst, desto mehr Vorwürfe machst du dir nach einem Rückfall. All das erhöht das Risiko, ungebremst und ohne Umschweife zurück in die Essstörung zu rutschen. Gehst du souverän mit einem Rückfall uma, machst du dir bewusst, dass du eine Wahl hast. Gehst du souverän mit einem Rückfall um, brauchst du weder Angst vor einem Rückfall noch vor der Essstörung in Gänze zu haben.

 

Ein Rückfall ist ein Zeichen dafür, dass es noch einige Bereiche gibt, in denen du nach Möglichkeiten suchen darfst, dich von deiner Umgebung abzugrenzen, deine Bedürfnisse zu kommunizieren und deine Gefühle rauszulassen. 

 

Es geht nicht darum, von heute auf morgen alles perfekt zu machen. Es geht auch nicht darum, perfekt zu sein! Der Rückfall musste sein, basta! Entspann dich. Putz dir die Zähne. Verzeih dir. 

 

Für jeden Tag, an dem du es schaffst, dich nicht zu übergeben, gibt es 1 Münze. Im Falle eines Rückfalls gibst du eine Münze zurück. Eine Münze, nicht den ganzen Haufen, den du dir vorher mühsam erarbeitet hast. Merkst du was? Es ist nichts verloren. Es ist nicht vorbei. Du darfst da weitermachen, wo du vor deinem Rückfall aufgehört hast.

 

Alles Liebe,

deine Saskia

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