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#03 Teil 1: Mit Rückfällen umgehen

Was ist ein Rückfall?

Der erste und wichtigste Schritt ist getan: Du hast dich für die Heilung deiner Essstörung entschieden.

Wenn du an diesem Punkt angekommen bist, wünschst du dir wahrscheinlich nichts sehnlicher, als dass deine Essstörung von jetzt auf gleich verschwindet. Und ich kann das so gut nachvollziehen! Leider weißt du, genauso gut wie ich, dass die Realität anders aussieht. Nicht umsonst spreche ich auf meinem Blog von der Heilung der Essstörung als Prozess. Denn genauso wenig, wie deine Essstörung von heute auf morgen da war, wird sie von heute auf morgen verschwinden.

 

Wenn die Essstörung zurückkommt, spricht man von einem Rückfall. Ich blicke mittlerweile auf 10 Jahre mit Essstörung zurück. Und diese Zeit gleicht einer Achterbahnfahrt, es gab Auf’s und Ab’s. Zeiten, in denen ich glaubte, das Licht am Ende des Tunnels zu erkennen und es bald geschafft zu haben und Zeiten, in denen ich schmerzhaft festgestellt habe, wie lang der Weg, der vor mir liegt, doch noch ist.

 

Sowohl schleichende als auch plötzliche Rückfälle haben in den letzten Jahren meinen Weg gekreuzt:

 

Die schleichenden Rückfälle waren in meinem Fall auf die äußeren Umstände zurückzuführen – Zeiten, in denen ich extrem unzufrieden war, wenig Zeit für mich hatte, Trennung erlebte, vor schwerwiegenden Entscheidungen oder großen Veränderungen stand . Anstatt diese Dinge anzugehen, sie wirklich an der Wurzel anzupacken, bin ich langsam, aber sicher zurück in meine Essstörung gedriftet, die mir eine vermeintliche Lösungsstrategie geboten hat. Ich wurde unvorsichtiger, sodass sich alte Verhaltensmuster einschlichen, die mit der Zeit ein immer größeres Ausmaß annahmen.

 

Die plötzlichen Rückfälle konnten auch aus dem Nichts auftreten. Meistens wurde ich von einer Person in meinem Umfeld durch Kommentare wie „Schön, dass du zugenommen hast!“ oder „Wow, jetzt hast du aber gut gegessen!“ getriggert. Auch bei Veranstaltungen mit Buffet fiel es mir schwer mich zu kontrollieren. Häufig wurden die Stimmen in meinem Kopf übermächtig, sodass ich das Gefühl hatte gar keine andere Wahl zu haben als rückfällig zu werden - als auf die Toilette zu gehen und zu erbrechen.

Ob schleichend oder plötzlich – nachdem mir klar war, dass ich einen Rückfall hatte, stellte sich jedes Mal das Gefühl ein, versagt zu haben! Ich habe mich zutiefst geschämt es wieder nicht geschafft zu haben. Ich habe geglaubt ein Versager zu sein und nicht nur mich, sondern auch meine Familie, wieder einmal enttäuscht zu haben. Mit jedem Rückfall habe ich mehr und mehr den Glauben an mich und die Heilung meiner Essstörung verloren…

Vorfall statt Rückfall

Inzwischen gehe ich anders mit Rückfällen um. Ich habe erkannt, dass sie dazugehören. Dass sie ein wichtiger Teil des Heilungsprozesses sind. Ich möchte meine Gedanken und drei Schritte, mit dir teilen, die mir geholfen haben mit Rückfällen umzugehen. Weil ich hoffe, dass du dadurch nachsichtiger mit dir sein kann, als ich es mit mir war.

 

Das Wort „Rückfall“ klingt für mich schon so negativ. „Rückfall“ hört sich nach „Rückschritt“ an. Bei dem Wort „Rückfall“ habe ich sofort ein Bild im Kopf: Mit dem Rücken zu einer tiefen Grube zu stehen, in die man fällt und aus der es kein Entkommen mehr gibt. Wie wäre es, wenn wir den „Rückfall“ stattdessen als „Vorfall“ bezeichnen?

3 wichtige Schritte bei Rückfällen

1. Schritt: Vergebung

Sich selbst zu vergeben ist so wichtig, auch wenn es mit das Schwierigste ist. Das Bild, das ich oben beschrieben habe, passt eigentlich perfekt, denn im ersten Moment fühlt es sich nach einem Vorfall tatsächlich so an, als wäre man in ein tiefes Loch gestürzt, in dem man jetzt festsitzt. Während Selbstvorwürfe, Selbstbestrafung und Gedanken à la „Siehst du, du schaffst es ja eh nicht!“  dich jetzt aber nur noch tiefer in diese Grube drücken, ist dir selbst zu vergeben, wie dir eine Hand zu reichen, mit der dir das Entkommen aus dem Loch gelingt. Liebevoll zu mir selbst zu sein und mich selbst aus den Augen einer guten Freundin zu sehen, hat für mich einen enormen Unterschied gemacht. Einer guten Freundin würde ich jederzeit Hilfe und Unterstützung entgegenbringen, wenn sie einen Fehler gemacht oder ein Vorhaben nicht gleich beim ersten Mal geklappt hätte. Übe auch du dich in Nachsicht und Geduld. Vergib und versprich dir, dass du nicht aufgibst, sondern es weiter versuchst. 

Manchmal muss man einen Schritt zurück gehen, um zwei nach vorne gehen zu können. 

2. Schritt: Aus dem Vorfall lernen

Kein Vorfall passiert ohne Grund. Vorhin habe ich dir beschrieben, wie meine Vorfälle zustande kamen – dass sie meistens auf die äußeren Umstände, sowie auf Überforderung durch Kommentare meiner Mitmenschen oder eine ungewohnte Situation zurückzuführen waren. Jeder Vorfall will etwas zum Ausdruck bringen. Häufig haben sie mir als Weckruf gedient, da sie mich zurück aus dem Autopiloten, ins Hier und Jetzt holten und mich dazu brachten den Blick in mein Innerstes zu richten. Es war wichtig, den Vorfall nicht zu verdrängen, sondern mir die Frage zu stellen, was gerade mit mir los ist. Wieso der Vorfall passiert ist. Was gerade schief läuft und wieso es mir im Augenblick vielleicht nicht so gut geht. Es gibt das uralte Sprichwort: Man lernt aus seinen Fehlern!. Und auch wenn es mittlerweile so abgedroschen klingt, ist es doch so wahr. Denn indem du dir diese Fragen stellst, hast du die Möglichkeiten aus deinem Vorfall zu lernen. Er will dir also nichts Böses, zeigt dir viel eher, woran du für dich noch arbeiten solltest und was es für dich noch zu lösen gibt. Du siehst also, dass ein Vorfall keineswegs ein Rückschritt, sondern viel mehr eine Möglichkeit für dein persönliches Wachstum ist.

 

3. Schritt: Dich selbst anerkennen

Häufig sehen wir nur das, was gerade schief läuft in unserem Leben. Wir neigen dazu uns tagelang über Dinge, die wir sowieso nicht mehr ändern können, aufzuregen und den Blick nur auf den schier endlos langen Weg zu richten, der noch vor uns liegt. Währenddessen vergessen wir alles, was gut ist und was wir schon geschafft haben. Insbesondere nach einem Vorfall ist es so wichtig, dich selbst anzuerkennen. Ja, es ist passiert. Du hattest einen Vorfall. Und trotzdem darfst du dir ein Lob aussprechen, weil zum Beispiel die Abstände zwischen deinen Vorfällen immer größer werden. Oder weil du dich überhaupt getraut hast diesen unglaublich schweren Weg raus aus der Essstörung zu gehen. Vorfälle gibt es doch gerade weil du diesen unfassbaren Mut aufgebracht hast dich gegen deine Essstörung zu entscheiden. Erkenne dich dafür an, dass du jetzt keineswegs auf halbem Weg umkehrst, sondern weitergehst, auch wenn es dir Angst macht und auch wenn du weißt, dass der nächste Vorfall kommen kann.

Alles Liebe,

deine Saskia


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