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#05 Die Angst vor bestimmten Lebensmitteln

 

Vergangenes Wochenende habe ich  Zimtschnecken gebacken. Mit Mehl. Und Butter. Weder Low-Carb. Noch Low-Fat. Und auch nicht High-Protein. Einfach nur Zimtschnecken.

 

Menschen mit Essstörung entwickeln aus den verschiedensten Gründen irrationale Ängste vor bestimmten Lebensmitteln. Ich erinnere mich noch so gut an meinen ersten Klinikaufenthalt und einen Besuch meiner Eltern, die mit mir ein Eis essen gehen wollten. Auch wenn ich dieses Eis unbedingt essen wollte, um meinen Eltern zu zeigen, dass ich stark bin und gesund werden will, habe ich es nicht geschafft. Ich habe am ganzen Körper gezittert und bin vor lauter Furcht in Tränen ausgebrochen. Auch kalorienhaltige Getränke und sogar Obst standen lange Zeit auf meiner Liste der „verbotenen“ Lebensmittel. In den letzten Jahren habe ich es bereits geschafft viele meiner Ängste aufzulösen. Trotzdem gibt es nach wie vor Lebensmittel, die ich krampfhaft zu vermeiden versuche. Bei mir sind das Lebensmittel, die in der Gesellschaft einen eher schlechten Ruf genießen: Zucker, Kohlenhydrate und Fette. Gebäck oder ein Stück Kuchen essen? Bislang unmöglich. Zu groß war meine Angst.

 

Heutzutage gibt es eine Menge Webseiten und Instagram-Accounts, die „gesunde Alternativen“ zu unzähligen Lebensmittel promoten. Glaubt mir, ich bin mit jedem dieser Trends mitgegangen, habe alles ausprobiert und ja, viele dieser Dinge schmecken gut und haben demnach auch absolut ihre Daseinsberechtigung aber machen wir uns nichts vor – Blumenkohlpizza kann keine herkömmliche Pizza ersetzen, Zoodles haben mit richtiger Pasta recht wenig zu tun und Kohlrabi-Porridge? Come on! Nachdem ich am vorherigen Wochenende an „high-protein“ Zimtschnecken gescheitert bin (Ernsthaft, die waren steinhart und hatten mit den Zimtschnecken, die ich noch aus meiner Kindheit kenne, gar nichts zu tun!), habe ich den Entschluss gefasst, mich einer meiner größten Ängste zu stellen. Ich habe mir vorgenommen, „normal“ zu backen und mich dadurch mit genau den Lebensmitteln zu konfrontieren, die für mich (oder besser gesagt für meine Essstörung) eigentlich seit einer Ewigkeit „verboten“ sind.

 

Ich habe mich zunächst intensiv mit meiner Angst auseinandergesetzt und mich gefragt:

 

Was steckt eigentlich hinter der Angst vor diesen Lebensmitteln?

  • Wenn ich ganz ehrlich bin (und vielleicht stimmst du mit mir überein), fürchte ich mich von diesen „verbotenen“ Lebensmitteln extrem zuzunehmen.
  • Außerdem habe ich große Angst, die Kontrolle zu verlieren, wenn ich diese Lebensmittel esse. Ich habe Angst, dass sie so gut schmecken, dass ich nicht aufhören kann und dadurch unglaublich dick werde.

Es gibt aber einen Haken an der Sache:

Vielleicht kennst du es noch aus deiner Kindheit. Wenn deine Eltern dir gegenüber ein Verbot ausgesprochen haben – sei es, dass du keine Cola trinken oder an der Supermarktkasse nicht noch das Überraschungsei auf das Kassenband legen darfst – dann wolltest du das Verbotene NOCH mehr. Dieses Verhalten lässt sich auch auf deine Essstörung übertragen.

Wenn du dir gewisse Lebensmittel aus Angst vor der Zunahme verbietest, wird dein Appetit darauf umso größer. Und wenn du sie dann doch einmal isst, ist die Wahrscheinlichkeit, dass du nicht mehr aufhören kannst und dich der Heißhunger überkommt, umso größer.

Ich habe also festgestellt, dass meine Ängste miteinander verknüpft sind. Dass das eine zum anderen führt.

 

Für mich ist es keine Lösung ein Leben lang gewisse Lebensmittel zu meiden. Ich verdiene ein Leben ohne Verbote. Und du verdienst das auch!

 

Wie kann man sich nun aber den Lebensmittel annähern

und langfristig die Angst vor ihnen verlieren?

Es gibt Menschen, die leben ganz nach dem Motto „Ganz oder gar nicht“. Und auch wenn ich ein sehr disziplinierter Mensch bin, habe ich in den letzten Jahren bezüglich meiner Essstörung gemerkt, dass es wichtig ist, mich nicht zu überfordern.

 

Ich habe damit angefangen mir eine Liste an Dingen zu schreiben, die ich vor meiner Essstörung gerne gegessen habe und die ich insgeheim schon seit längerer Zeit gerne mal wieder essen würde, die mir jedoch Angst machen und an die ich mich bislang nicht herangetraut habe. Sogenannte Fear-Foods.

 

Gleichzeitig habe ich eine Liste angefertigt und Lebensmittel aufgeschrieben, ich mittlerweile ohne schlechtes Gewissen essen kann. Sogenannte Safe-Foods.

 

Der einzige Weg aus der Angst ist durch die Angst 

Nach und nach kann ich mir von nun an ein angstbehaftetes Lebensmittel vornehmen, das ich mit einem Safe-Food kombiniere. Durch die Kombination aus Fear- und Safe-Food stelle ich mich meiner Angst und fordere, aber überfordere mich nicht. Ich habe so das Gefühl eine gewisse Kontrolle zu behalten, was mir persönlich den Prozess enorm erleichtert. Und dann? Geht es darum, das Fear-Food einfach zu essen; und zwar nicht nur einmal, sondern immer wieder. Bis es leichter wird. Bis ich das Safe-Food nicht mehr brauche. Bis es normal ist. Bis aus meinem Fear-Food ein Safe-Food wird.

 

Es wird schwer und ich habe Angst. Aber das ist okay. Ich mache es trotzdem.

Denn ich weiß, ich werde an einen Punkt kommen, an dem ich nicht mehr darüber nachdenke, ob ich mir das „erlauben“ kann. Irgendwann werde ich mir im Restaurant genau das bestellen können, worauf ich Lust habe, weil es nichts mehr gibt, wovor ich Angst habe. Ich werde die Wahl haben und frei entscheiden können, ob es heute das Vollkornbrötchen oder doch lieber die Zimtschnecke sein soll ;)

Dieses Mal war es die Zimtschnecke und hell yeah, war die lecker! ;)

 

Welche Lebensmittel sind es bei dir? Und wann stellst du dich deinen Ängsten?

Ich bin mir sicher: wenn ich es schaffe, dann schaffst du das auch. 

 

Alles Liebe,

deine Saskia


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