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#40 Extremhunger auf dem Weg aus der Essstörung - Gastbeitrag von Simona

Hallo buntes Zebra,

 

Ich bin Simona & ich habe heute die Ehre auf dem Blog der lieben Saskia meinen Beitrag zu ihrem & ebenso meinem Herzensanliegen beizutragen: Mehr über Essstörungen zu sprechen & vielleicht ja sogar dem einen oder anderen Zebra etwas mitzugeben, um das Leben wieder etwas bunter zu machen.

 

Ich habe letztes Jahr auf meinem Instagram-Account Simona_romafit begonnen, meine Geschichte aus der Magersucht zu teilen.

 

Vor Kurzem erst durfte ich dann die liebe Saskia und ihren wundervollen Blog kennenlernen.

 

Ich bin dankbar, heute über ein Thema schreiben zu dürfen, welches mich schon seit ca. 12 Jahren begleitet: Extremer Hunger oder wie ich ihn mittlerweile lieber nenne: Healing Hunger.

 

Genau das ist er nämlich eigentlich auch:

Ein Mechanismus unseres Körpers, welcher uns Stück für Stück heilen lässt.

 

Ich habe jedoch selbst sehr lange nicht gewusst, dass es ihn gibt.

Als ich damals den Entschluss gefasst hatte, gesund werden zu wollen & ich mehr gegessen habe, merkte ich, dass ich das Gefühl hatte, nicht mehr satt zu werden. 

Ich dachte irgendetwas sei falsch mit mir, ich sei falsch & ich bekam natürlich auch Angst.

Lange habe ich nach außen die „Raupe Nimmersatt“ gegeben & es spaßig dargestellt.

 

Was die meisten Menschen um mich herum allerdings nicht wussten:

Ich war verzweifelt & wusste nicht, wie ich mit diesem Hunger umgehen sollte. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren und mein Leben nicht mehr genießen.

Deshalb habe ich ihn lange unterdrückt & bin ihm sehr viele Jahre nicht nachgegangen.

 

Heute gehe ich ihm nach & wie ich damit umgehe, erfährst du hier in diesem Blogbeitrag.

Ich möchte dir mitgeben, dass du nicht allein damit bist & dass auch du lernen kannst, mit ihm umzugehen, um ihn dann auch endgültig gehen lassen zu können.

Unser Körper ist ein Wunderwerk

Als mir bewusst wurde, dass es diesen Extremen Hunger (Healing Hunger) wirklich gibt, habe ich erst einmal angefangen zu recherchieren. Für mich war es sehr hilfreich zu verstehen, wie Hunger & Sättigung in unserem Körper überhaupt ablaufen & wie unser Körper es schafft, sowohl Hunger als auch Sättigung zu steuern.

Normalerweise schafft unser Körper das von ganz allein - denn er ist ein Wunderwerk.

Jedoch können äußere Störungsfaktoren dazu beitragen, dass dieser Kreislauf aus der Bahn gerät.

 

Was ist dieser Extreme Hunger überhaupt?

Der Extreme Hunger ist ein unbändiger, ständiger Hunger. Man fühlt sich wie „ein Fass ohne Boden“ und könnte rund um die Uhr essen.

 

Ob man noch ein Hunger- oder Sättigungsgefühl verspürt oder nicht, ist sehr individuell.

 

Extremer Hunger bedeutet nicht, dass du immer ein Hungergefühl verspüren musst, Extremer Hunger kann auch auf mentaler Ebene stattfinden: Ständiges Gedankenkreisen ums Essen & Überlegungen, was man nun als Nächstes essen könnte, können Anzeichen für Extremen Hunger sein.

 

Auch ohne Hungergefühl hat man also das Bedürfnis immer wieder essen zu wollen & zu müssen, weil die Gedanken ständig ums Essen kreisen. 

Wie werden Hunger und Sättigung gesteuert?

Der Hypothalamus ist ein Bereich in unserem Gehirn, welcher unter anderem Hunger & Sättigung steuert. Er ist sozusagen unser Sättigungszentrum und der Hauptschalter unseres Stoffwechsels.

 

Die Hormone Leptin und Ghrelin werden vom Hypothalamus frei gesetzt.

Leptin ist für die Sättigung zuständig & wird in den Fettzellen gebildet. 

Das Hormon Ghrelin wiederum sorgt dafür, dass dem Körper Hungersignale gesendet werden.

 

Der Hypothalamus sorgt dafür, dass sich unser Körper immer wieder in seinem Set-Point-Bereich einpendelt. Liegt man darunter, werden automatisch mehr Hungersignale gesendet, liegt man drüber, ist der Körper befriedigt & wir essen automatisch wieder etwas weniger.

 

Dieser theoretische Teil war für mich schon sehr wichtig, da unser Körper ohne äußere Einflüsse eigentlich alles schon sehr gut im Griff hat. Vor allem war es für mich auch wichtig zu erkennen, dass wir ausreichend Fettreserven brauchen, damit das Hormon Leptin, welches für die Sättigung zuständig ist, ausreichend produziert werden kann.

 

Durch äußere Reize & Einflüsse können Hunger & Sättigung in ein Ungleichgewicht geraten.

 

Hierzu mehr im weiteren Verlauf dieses Beitrags

Woher kommt der Extreme Hunger?

Extremer Hunger tritt häufig während oder nach einer restriktiven Phase auf.

Das bedeutet, dass man dem Körper eine Zeit lang nicht das gegeben hat, was er brauchte & man es eventuell auch heute noch nicht tut.

 

Hiermit meine ich nicht unbedingt die Kalorienmenge an sich. Auch die Vermeidung von bestimmten Makronährstoffen & vermeintlich verbotenen Lebensmitteln können ihn entstehen lassen & sogar verstärken.

 

Schreit dein Körper nach Schokolade, du gibst ihm aber „nur“ einen Apfel, wird es ihn nicht befriedigen & er sendet weiterhin Hungersignale (meist mental).

 

 

Er möchte das haben, wonach er schreit & was ihm vielleicht sogar in der Vergangenheit immer wieder verwehrt wurde.

Ein kleines Gedankenspiel:

Genauso ist es auch für unseren Körper. Hat er einmal das Gefühl, endlich etwas zu bekommen, wonach er sich schon so lange gesehnt hat, möchte er immer mehr davon haben.

Was kann den Extremen Hunger noch verstärken?

Hormondysbalancen als ein Resultat aus einer Mangelernährung oder auch einem starken Gewichtsverlust in der Vergangenheit können diesen Extremen Hunger verstärken.

Der Hypothalamus ist nämlich wie bereits oben erklärt, ein wichtiger Bestandteil für unseren Hungerstoffwechsel, aber eben auch für den weiblichen Zyklus.

Wenn wir seit mehr als 6 Monaten nach dem Absetzen der Pille unsere Periode nicht bekommen, ist es auch hier wichtig, genau hinzuschauen & daran zu arbeiten, die Hormone wieder in eine Balance zu bringen.

 

Ich sage mir immer, dass es mich nicht verwundern sollte, ständig das Gefühl zu haben, essen zu wollen, wenn mein Zyklus nicht wieder regelmäßig stattfindet.

 

Extremer Hunger kann aber auch noch dann auftreten, wenn man einen natürliche Periode hat, da auch andere äußere Störfaktoren diesen hervorrufen können. Zu viel Stress beispielsweise. Ich habe bereits über den Stress gesprochen, den unser Körper verspürt, wenn wir ihm zu wenig Nahrung geben. Er hat Angst, nicht ausreichend versorgt zu werden.

Was ist Extremer Hunger NICHT?

Häufig bekomme ich die Frage:

„Bin ich noch im Extremen Hunger oder habe ich jetzt doch Binge Eating?

Ich habe X Tafeln Schokolade gegessen, das ist doch kein Extremer Hunger mehr, oder?“

 

Erst einmal kann ich diese Frage vollkommen nachvollziehen. Auch ich habe sie mir anfangs häufiger gestellt. Die Vorstellung, nun in eine weitere Essstörung zu rutschen, hat mir zunächst Angst gemacht.

Allerdings kann ich dich hier beruhigen. Nur weil du deinem Extremen Hunger nachgehst und deinem Körper dadurch eine hohe Kalorienmenge zuführst, bedeutet das bei Weitem nicht, dass du nun Binge Eating hast.

 

Bei einem Binge Eating Anfall werden meist mehrere Tausende Kalorien UNKONTROLLIERT gegessen & man weiß hinterher häufig überhaupt nicht mehr, was man alles gegessen hat & wie es dazu kommen konnte.

Mir hilft da immer mir zu sagen, dass ich mich ja bewusst dazu entscheide, dem Extremen Hunger nachzugehen. Also entscheide ich mich auch bewusst, zu essen.

 

Das kann sich anfangs nach Kontrollverlust anfühlen, da man das Gefühl hat immer weiter essen zu wollen. Es hat allerdings in den allermeisten Fällen nichts mit einem Binge-Eating-Anfall zu tun.

Bei Binge-Eating-Anfällen wird zudem meist sehr viel durcheinander gegessen, z.B. Kekse, danach dann halbrohes Gemüse, Pizza usw.

Hier erkennst du wahrscheinlich auch sehr schnell, dass es überhaupt nicht mehr um den Genuss geht.

 

Ich möchte an dieser Stelle aber darauf hinweisen, dass es immer sinnvoll ist, sich professionelle Hilfe an die Hand zu holen, um auch dort noch einmal eine Sicherheit zu bekommen.

 

Du kannst auch gerne auf Instagram in meinem Highlight „Extremer Hunger“ nachschauen. Dort teile ich immer wieder mal meine Empfindungen in dieser Phase des Extremen Hungers.

Du kannst dir also folgende Fragen stellen:

  • Erlaube ich mir wirklich alle Lebensmittel?
  • Erlaube ich mir, nachdem ich mehr gegessen habe als gewöhnlich, auch am nächsten Tag, weiter mehr zu essen?
  • Habe ich für mich bewusst die Entscheidung getroffen, dass ich dem Extremen Hunger jetzt nachgehen möchte, um ihn langfristig überwinden zu können?

Wenn du all diese Fragen mit JA beantworten kannst & du sie auch wirklich so umsetzt, wirst du mit großer Wahrscheinlichkeit nicht ins Binge Eating rutschen.

Mit den Veränderungen des Körpers umgehen

Hier ist es zunächst einmal wichtig zu wissen, ob man sowieso noch zunehmen muss, da sich der Körper einfach noch nicht in seinem Wohlfühlgewicht befindet (Hormone etc.).

Dann ist eine Zunahme und damit die Veränderung des Körpers sowieso lebensnotwendig. Aber auch darüber hinaus kann der Extreme Hunger noch stattfinden. Da heißt es dann: Geduld und Vertrauen!

 

Auch wenn es schwer fällt. Dein Körper wird wieder an den Punkt kommen, an dem er dir vertrauen kann & ich finde, da sind ein paar Kilos mehr es wirklich wert, in Zukunft ein freies unbeschwertes Leben leben zu können.

 

Ich habe ja bereits in meiner Einleitung erzählt, dass ich selbst 10 Jahre lang dem Extremen Hunger nicht nachgegangen bin – einfach, weil ich nicht wusste, dass es ihn gibt.

 

Heute gehe ich ihm nach, indem ich meinem Körper immer dann Nahrung gebe, wenn er sie verlangt. Das kann sowohl physisch als auch mental der Fall sein.

Auch heute denke ich noch sehr viel ans Essen, weil mein Körper erst einmal wieder die Sicherheit erlangen muss, mir vertrauen zu können. Mir hilft es hier sehr, daran zu glauben, dass mein Körper mir wieder vertrauen wird, wenn ich ihm endlich all das gebe, was er momentan braucht. Die daraus resultierende Zunahme ist also das Ergebnis davon, dass ich gerade genau das Richtige tue. Meinen Körper Stück für Stück heilen lassen.

 

 

Wenn ich mir das immer wieder vor Augen halte, weiß ich, dass es keine Option mehr für mich ist, wieder restriktiv zu essen, weil es dann ein nicht endender Teufelskreislauf aus Zulassen, Restriktion & wieder Zulassen wäre. Das Problem ist dann, dass der Extreme Hunger nicht weggehen wird.

 

Du darfst dir also auch immer wieder sagen: Ich mache gerade genau das Richtige & die Zunahme ist essenziell, um zu heilen. Dein Körper wird es dir danken & du dir auch. 

 

All die Jahre aus Restriktionen & zusätzlich noch intensivem Sport, haben ihn stark verunsichert, sodass es nun Zeit braucht, dieses Vertrauen wieder aufbauen zu können.

Ich möchte dir hier gerne noch abschließend ein paar Punkte mitgeben, die vielleicht auch dir helfen können, besser mit dem Extremen Hunger umgehen zu können:

1.) DEN EXTREMEN HUNGER ZULASSEN:

Ich versorge meinen Körper mit Essen, wenn er es verlangt. Die Uhrzeit oder ob ich erst vor einer Stunde etwas gegessen habe, spielen dabei für mich keine Rolle mehr. Ich sage mir mehrmals am Tag: "Es ist ok, ich darf es zulassen.". Wenn es mal nicht so klappt, wie ich es mir vorgestellt habe, dann verurteile ich mich hier allerdings auch nicht. Weitermachen & nicht in die „Dann ist es ja auch egal“-Haltung verfallen.

 

2.) BEWUSST MACHEN, WIE VIEL MAN DEM KÖRPER SCHON NICHT GEGEBEN HAT:

Wenn ich nun rückblickend darüber nachdenke, wieviel ich meinem Körper in den letzten Jahren schon verwehrt habe, ist es nun an der Zeit ihm all das endlich mal zurückzugeben, Vielleicht kann es dir auch helfen, darüber nachzudenken, wie viele Kalorien du ihm nicht gegeben hast. Es gibt kein „zu viel“ in dieser Phase.

 

3.) ES IST TEMPORÄR:

Der Extreme Hunger ist eine Phase. Bei der einen Person dauert sie länger, bei der anderen geht sie schneller vorbei. Versuche geduldig zu sein & dir bewusst zu machen, dass er vorbei gehen wird, wenn du ihn zulässt. Das ist der Weg aus dem Extremen Hunger.

 

4.) DANKBARKEIT & VERBINDUNG ZUM KÖRPER HERSTELLEN:

Mir hilft es momentan sehr, in die Dankbarkeit einem Körper gegenüber zu gehen. So viele Jahre habe ich gegen ihn gekämpft und ich war teilweise so wütend, dass er nicht aufhören konnte Hungersignale zu senden. Heute versuche ich jeden Tag dankbar für ihn zu sein, da er jeden Tag so viel für mich leistet. Dadurch bin ich auch meinem Körper wieder ein Stück näher gekommen.

Vielleicht hilft dir hier auch Yoga oder das Meditieren. Probiere es doch gerne einfach mal aus.

 

5.) POSITIVES VOR AUGEN HALTEN:

Durch den Extremen Hunger zeigt dir dein Körper, dass er heilen möchte. Er sagt dir also, was du nun tun könntest, um ihn zu unterstützen. Das ist doch eigentlich etwas richtig Schönes & der richtige Weg. Zudem hast du auch einfach wieder mehr Freude am Leben, da du nun wieder ohne schlechtes Gewissen essen gehen kannst, dir keine Lebensmittel mehr verbietest & dadurch Stück für Stück freier wirst.

 

6.) KEIN STÄNDIGES BODY-CHECKING & KLEIDUNG AUSSORTIEREN: 

Anfangs habe ich mich noch jeden Tag vor den Spiegel gestellt, um zu prüfen, was sich denn jetzt an meinem Körper verändert hat.

Ich habe dann aber gemerkt, dass es mir überhaupt nicht gut getan hat und es deshalb wieder gelassen.

Wir brauchen uns nicht unnötig quälen.

Außerdem habe ich einige alte Klamotten aussortiert & mir neue passende Kleidung gekauft.

 

Wir brauchen uns nicht in zu enge Kleidung oder einfach in Kleidung, in der wir uns nicht mehr wohl fühlen, zwängen.

Abschließend möchte ich dir noch eine wichtige & wertvolle Frage beantworten:

 

WIRD DER EXTREME HUNGER JEMALS WIEDER WEGGEHEN?

Hier kann ich dir versichern:

JA er wird weggehen, wenn du dich dazu entscheidest die Schritte zu gehen, die es dafür braucht.

 

Schritt für Schritt in deinem Tempo gemeinsam mit deinem Körper!

Du bist nicht allein!

 

Bacione

Deine Simona

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Martina (Dienstag, 06 Juli 2021 11:07)

    Vielen lieben Dank für deinen wertvollen Beitrag. Ich kämpfe auch sehr mit Extremhunger. Immer wieder denke ich ans Essen (24h am Tag). Dies macht mir sehr Angst. Ich bin noch im UG und deshalb ist dies wahrscheinlich normal, dass mein Körper so reagiert. Bis vor Kurzem gab ich dem Extremhunger nach, indem ich bulimische Essanfälle hatte und mich anschließend übergab, Abführmittel konsumierte und extrem viel Sport machte. Nun habe ich mir wegen der Oesteoporose den Oberschenkel gebrochen und kann keinen Sport machen. Ebenso habe ich das Essen und Erbrechen gestoppt, weil ich wegen schweren Elektrolytenstörungen fast gestorben bin…
    Leider ist nun dieser Extremhunger da und ich traue mich nicht richtig zu essen, weil ich mich nicht so viel bewege. Ich esse nun sehr viel Gemüse und Früchte, sowie Sojajogurt und Sojamilch…Ich habe Angst, dass ich wieder einen Essanfall habe, weil ich trotz wenig Bewegung so Hunger habe…