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#47 "Ich bin zu dick" - Was steckt wirklich hinter diesem Gedanken?

Wie du weißt, geht es in meinen Blogartikeln und Podcast-Episoden um Gedanken, Gefühle und Erfahrungen, die mich auf meinem Weg aus der Essstörung beschäftigt haben oder – und das ist mir besonders wichtig – immer noch beschäftigen. Mir ist es so wichtig, möglichst transparent zu sein und nicht nur die Crème de la Crème der Recovery zu zeigen, sondern auch die Momente mit dir zu teilen, in denen es mir nicht gut geht. Momente, in denen ich mich schwertue. Momente, in denen ich an mir und meinem Weg zweifle. Und das habe ich zuletzt.

 

Ich bin inzwischen an einem Punkt, an dem ich rein körperlich (und damit wirklich oberflächlich) betrachtet, seit vielen Jahren nicht mehr war. Meine Hüftknochen stechen nicht mehr hervor, mein Brustknochen schaut nicht mehr heraus, mein Gesicht ist nicht mehr eingefallen und auch meine Oberschenkel berühren sich wieder. Ich bin inzwischen an genau dem Punkt, an dem ich in den vergangenen Jahren jedes Mal aufs Neue einen Rückzieher gemacht habe.

"Ich bin zu dick."

Warum? Weil ich permanent von dem Gefühl begleitet wurde, „zu dick zu sein“.

 

Es war einfach immer präsent, hat mich erdrückt und so unglücklich gemacht, dass es über kurz oder lang nur einen Ausweg für mich gab: Die erneute Kompensation, Restriktion und Gewichtsabnahme.

 

Was mir zum damaligen Zeitpunkt gefehlt hat, war das Wissen, dass es nie wirklich um meinen Körper ging.

 

Der beste Beweis? 

Egal, wie viel ich abgenommen habe, egal, wie rasant die Zahl auf der Waage gesunken ist – in meinen Augen war ich nie „dünn genug“. Im Gegenteil: Ich habe mich nie dicker gefühlt als zu der Zeit, in der ich mein tiefstes Gewicht hatte und Stunden damit verbracht habe, mein Essen über der Kloschüssel wieder loszuwerden.

"Ich dachte, ich bin nicht krank genug."

Weil ich mich zwischenzeitlich mit vielen Betroffenen unterhalten und ausgetauscht habe, weiß ich, dass ich mit dieser Erfahrung nicht allein bin. Daher ist es mir ein besonderes Anliegen, ein paar Worte hierzu zu verlieren und dir zu sagen, dass der Gedanke nicht dünn oder krank genug zu sein absoluter Blödsinn ist. Dennoch: Ich kann ihn voll und ganz nachvollziehen.

 

Meine Essstörung hat im Alter von 12 Jahren mit der Bulimie ihren Anfang genommen. Zwischen meinem zwölften und sechzehnten Lebensjahr war ich in einem Teufelskreis aus Essen und Übergeben gefangen. Ich habe unglaublich gelitten und hatte trotzdem Angst, mir Hilfe zu holen. Es war mir peinlich, zu einem Arzt zu gehen und preiszugeben, dass ich eine Essstörung habe. Ich war doch „viel zu dick“ für eine Essstörung.

 

Zu jeder Essstörung – sei es Bulimie oder Anorexie – gibt es bestimmte Diagnosekriterien. Viele Betroffene erfüllen nicht den gesamten Katalog und fühlen sich daher nicht „krank“ oder, wie in meinem Fall, nicht „dünn“ genug. Weil Essstörungen allerdings so individuell sind wie wir Menschen, kann und wird es immer wieder Abweichungen von einem standardisierten Katalog geben. Diagnosen dienen in erster Linie dazu, die Kommunikation unter Ärzten und Krankenkassen zu erleichtern.

 

Und wir alle sind weitaus mehr als eine Diagnose. Wir sind Menschen, die leiden und dieses Leiden ist der beste Indikator dafür, dass du Hilfe verdient hast. Verlassen wir uns auf das Gefühl, nicht „krank“ oder „dünn“ genug zu sein, verzögern wir den Heilungsprozess, riskieren Folgekrankheiten und -schäden, was einfach nur extrem gefährlich ist. Ich sage es noch einmal in aller Deutlichkeit: Du hast ein Recht auf Unterstützung! Und du darfst Hilfe in Anspruch nehmen.

Bin ich wirklich zu dick?

Kommen wir zurück zu meinem Gefühl der letzten Wochen. Zurück zum Gefühl, „zu dick zu sein“.

Weil wir Probleme nicht auf einer Ebene lösen können, auf der sie nicht entstanden sind, werden Restriktion, Kompensation und Gewichtsabnahme niemals zum Ziel führen. Was wir nicht vergessen dürfen ist wie bereits gesagt, dass der Körper nicht wirklich das Problem einer Essstörung ist. Die Essstörung ist ein Lösungsversuch, eine Bewältigungsstrategie, um mit belastenden Gefühlen im Leben umzugehen. 

 

Hinter dem Gefühl, „zu dick“ zu sein, muss dementsprechend mehr stecken:

1.) "Dick" ist kein Gefühl!

Als mir das erste Mal gesagt wurde, dass „dick“ kein Gefühl ist, hatte ich keine Erklärung dafür, was es sonst sein soll. Immerhin konnte ich dieses vermeintliche Gefühl in meinem Kopf und jeder Zelle meines Körpers spüren. In meiner Welt hat es sich unglaublich real und echt angefühlt.

 

Die Sache ist die:

„Dick“ ist kein Gefühl.

„Dick“ ist ein Zustand.

 

„Dick“ beschreibt eine Körperzusammensetzung – ebenso wie „groß“ oder „klein“. 

Kannst du dich „groß“ oder „klein“ fühlen? Im übertragenen Sinne vielleicht und genau das ist der Punkt. 

Wir haben gelernt, das Wort „dick“ als Synonym für negative Gefühle zu nutzen. Das ist äußerst verletzend gegenüber hochgewichtigen Menschen und impliziert, dass „dick“ nicht akzeptabel ist bzw. eine emotionale Belastung darstellt.


2.) Das Gefühl hinter dem Gefühl

Es geht also weniger um die eigene Körperzusammensetzung oder das eigene Körpergewicht, sondern um das, was dahintersteckt. Um das, was du unter dem Begriff „dick“ zusammenzufassen versuchst. Das Gefühl hinter dem Gefühl. Das kann Angst, Schmerz, Einsamkeit oder Zurückweisung und von Mensch zu Mensch etwas vollkommen anderes sein. Du darfst dich also genau beobachten und reflektieren, wann du dich „zu dick“ fühlst. Oder besser gesagt: zu dick denkst.

 

In meinem Fall sind es Tage oder Phasen an bzw. in denen etwas im Außen nicht in Ordnung ist. Tage oder Phasen, in denen sich Veränderungen ergeben. Tage oder Phasen, in denen ich mich und meine Bedürfnisse geleugnet habe. Tage oder Phasen, die besonders stressig sind. Tage oder Phasen, in denen es Konflikte gab. Tage oder Phasen, in denen ich mich nach einem Ventil gesehnt habe, um mit all dem klarzukommen.

 

Genau da schließt sich der Kreis.

3.) Das Gefühl "zu dick" zu sein ist ein Schutzmechanismus

Auch wenn es sich im ersten Moment ziemlich abwegig anhören mag, gab es einen Punkt in deinem Leben, an dem die Essstörung dir gedient hat. An dem dein essgestörtes Verhalten einen Sinn hatte.

 

Die Essstörung lässt dich emotional abstumpfen. Sie unterdrückt Gedanken und Gefühle, lässt dich erkalten und alles, was nicht in direktem Zusammenhang mit ihr steht, egal werden.

 

Sie ist also nicht da, um dir zu schaden. Sie ist da, um dich zu schützen. 

 

Vor unangenehmen Gefühlen, Lebenssituationen, Herausforderungen oder Entscheidungen. Sie ist ein Lösungsversuch, der dich über Wasser hält. Der dir dabei hilft, nicht unterzugehen. 

 

Hast du das einmal verstanden, macht es plötzlich total viel Sinn, dass wir in Momenten, in denen etwas im Außen nicht okay ist, mit dem Gedanken „Ich bin zu dick!“ reagieren.

 

Denn: Die Essstörung war da, wenn im Außen alles zusammenzubrechen drohte. Und sie möchte wieder da sein, wenn im Außen alles zusammenzubrechen droht. Sie war da, wenn wir uns nach Kontrolle und Sicherheit gesehnt haben. Und sie möchte wieder da sein, wenn wir uns nach Kontrolle und Sicherheit sehnen. Sie war da, wenn wir vor einer schwierigen Entscheidung standen. Und sie möchte wieder da sein, wenn wir vor einer schwierigen Entscheidung stehen.

 

Sie möchte uns all das abnehmen. All das erleichtern. Sie möchte uns eine Lösung anbieten. Die Sache ist aber, dass wir es inzwischen besser wissen. Wir dürfen neue, gesunde Verhaltens- und Denkmuster sowie Bewältigungsstrategien etablieren, die die Essstörung langfristig ablösen können. 

Sei achtsam mit deinen Gefühlen.

Tage und Phasen, in denen wir glauben „zu dick“ zu sein, sind gefährlich. Der Schritt in die Essstörung ist so klein und auf eine Art sogar total naheliegend, wie du anhand meiner Schilderungen bereits gemerkt hast.

 

Ich möchte dich daran erinnern, deine Gedanken und Gefühle zu hinterfragen: Was ist das Gefühl hinter deinem Gefühl? Was steckt hinter deinem „zu dick“? Kann es sein, dass du deine Bedürfnisse ignoriert und missachtet hast? Gab es Momente, in denen du dich nicht gesehen gefühlt hast, obwohl du eine starke Schulter oder einen Menschen zum Reden gebraucht hättest?

 

Ich weiß, dass diese Fragen zunächst mehr Fragezeichen als Antworten in deinem Kopf auslösen können. Auch für mich war es immer leichter zu sagen, dass ich mich „zu dick“ fühle, als mir anzuschauen, worum es wirklich geht. Ich hatte Angst, da hinzuschauen, wo es am meisten wehtut. Licht hinzuwerfen, wo seither nur Schatten war. Zu fühlen, zu spüren, Emotionen zuzulassen.

 

Ich verspreche dir: Es lohnt sich. Und möchte dir dennoch mitgeben: Lass dir Zeit. Es ist ein Prozess.

"zu" - Ein Wort, zwei Buchstaben?

Weißt du, was mich an meiner Aussage – „Ich bin zu dick“ – am meisten überrascht hat?

Ich habe permanent davon gesprochen „zu dick“ zu sein. Ich war nie einfach nur „dick".

Lange Zeit habe ich dem „zu“ in meinen Worten keinerlei Beachtung geschenkt. Ich dachte, dass es vollkommen bedeutungslos sei. Allerdings impliziert dieses „zu“ einen Vergleich. Es deutet auf eine Verknüpfung zwischen deinem Gedanken und einer Erfahrung oder Überzeugung aus der Vergangenheit hin. „Ich bin zu dick“ – zu dick für wen? Oder zu dick für was? Die Gesellschaft? Deinen Beruf? Dein Umfeld? Wofür steht dein „zu“?

Ich habe bis zu meinem 23. Lebensjahr geglaubt, „falsch“ zu sein. Ich habe mich geschämt. Für mich. In mir. In meinem Körper, meiner äußeren Hülle, meiner Existenz und meinem Dasein. „Zu dick“ bedeutete in meinem Fall „zu raumgreifend“. „Zu viel“, um überhaupt hier; um überhaupt am Leben zu sein. Ich wollte abnehmen, alles in mir loswerden, um zu verschwinden, immer weniger zu werden, endlich nicht mehr da zu sein.

 

Wir sind nicht „falsch“. Wir sind nicht „kaputt“. Wir haben schlichtweg vergessen, wie vollkommen und wunderbar wir sind. 

Zum Abschluss möchte ich dir noch mitgeben, dass der Gedanke „zu dick“ zu sein bei mir nach einigen Tagen wie von allein verschwindet. Er verselbstständigt sich und ist plötzlich einfach nicht mehr da oder zumindest deutlich weniger präsent. Und das ganz ohne Kompensations- oder Restriktionsstrategien.

Zeigt das nicht, wie irrational der Gedanke ist? Immerhin verändert sich unser Körper nicht über Nacht. Wir nehmen nicht von heute auf morgen fünf Kilo zu oder ab. Noch einmal: Unser Körper ist nicht das Problem. Es geht um die Dinge, die tieferliegen.

 

Und wenn ich mich doch mal wieder „zu dick“ fühle oder besser gesagt „zu dick“ denke, erinnere ich mich daran, dass Gedanken und Gefühle kommen und gehen. Jetzt, in diesem Moment mag es sich nicht gut anfühlen. Morgen oder übermorgen wird all das aber schon gar keine Rolle mehr spielen.  

 

Alles Liebe,

deine Saskia

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Kommentare: 3
  • #1

    Sabrina (Dienstag, 21 September 2021 15:43)

    Einfach so wahr deine Worte! Durch deinen Blogartikel bin ich heute um einige Erkenntnisse reicher geworden. Ich bin dir dafür so dankbar.

  • #2

    Sarah (Dienstag, 21 September 2021 20:09)

    Ganz wundervoll beschrieben!�

  • #3

    Anna (Donnerstag, 18 Juli 2024 11:29)

    Ich würde gerne anmerken, dass das Bild von dir triggern kann da man deine thigh gap und die knochigen Finger sehen. Auch könnte das Bild a pro Essstörungs Orten im Internet als th!nspo missbraucht werden
    Danke für deine empathische Art �