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#28 Mit Kreativität die Heilung deiner Essstörung fördern - Teil 2: Journaling

Sprache hatte für mich schon immer etwas Magisches. Als mein älterer Bruder eingeschult wurde und das Lesen und Schreiben beigebracht bekam, wollte ich direkt „mitmachen“. So kam es, dass ich mich nicht nur zu einem kleinen Bücherwurm entwickelte, sondern auch sehr früh erste eigene Kurzgeschichten schrieb.

Unter der Essstörung hat nicht nur meine Lebensfreude, sondern auch meine Kreativität gelitten. In meinem Kopf war kein Raum für Gedanken, die über die Krankheit hinaus gingen. Noch dazu hätte ich mir niemals erlaubt, mich hinzusetzen und mir die Zeit zu nehmen, etwas auf Papier zu bringen. Ich musste produktiv sein. Und das bedeutete in meinem Fall vor allem eines: Kalorien verbrennen!

Tagebuchschreiben vs. Journaling

Meine erster Klinikaufenthalt brachte mich dem Schreiben wieder näher. Ich fing an, Tagebuch zu schreiben, um all die Eindrücke und Erlebnisse festzuhalten. Leider bemerkte ich sehr schnell, dass mich das Tagebuch schreiben noch trauriger machte, als ich ohnehin schon war. Da es wenig positive Erfahrungen oder Emotionen gab, brachte ich vor allem Sorgen, Ängste und Nöte auf Papier. Das frustrierte mich.

 

Letztes Jahr bin ich dann auf das „Journaling“ gestoßen. Obwohl ich zuerst dachte, dass der Begriff „Journaling“ schlichtweg den Begriff „Tagebuch schreiben“ abgelöst hat, weil er sich cooler anhört (ich nenne das den Porridge-Effekt – Porridge klingt ja auch besser als Haferbrei, oder ;) ?), wurde ich neugierig.

Heute weiß ich, dass Journaling weit mehr ist als Tagebuch schreiben.

Während sich ein Tagebuch eher an den äußeren Erfahrungen orientiert, die von Zeit zu Zeit durchaus negativ sein können, greift ein Journal (nicht immer – aber häufig) auf Impulsfragen zurück. Diese sollen einen inneren Reflexionsprozess anstoßen, Türöffner sein und neue Perspektiven ermöglichen.

Das Journal richtet den Blick also gezielt auf das Positive, auf Wachstum und Entwicklung.

3 kraftvolle Fragen für jeden Tag

Das Journaling ist inzwischen ein fester Bestandteil meiner Morgenroutine.

In diesem Beitrag teile ich drei kraftvolle Fragen, die ich mir jeden Tag stelle.

Ich lade dich herzlich ein, über diese Fragen den Zugang zum Journaling zu finden.

 

Alles was du brauchst, ist ein kleines Notizbuch, einen Stift und 10 Minuten Zeit. 

1.) Wofür bin ich heute besonders dankbar?

Nicht umsonst heißt es:

„Dankbarkeit ist der schnellste Weg zum Glück!“ 

Sich jeden Tag einen Moment der Dankbarkeit zu nehmen ist unglaublich kraftvoll! Es kann sein, dass du instinktiv denkst, keinen Grund dankbar zu sein zu haben. Ich verstehe das, weil auch ich eine Essstörung durchlebt habe und all den Schmerz, die Sorgen und Ängste, die damit verbunden sind, kenne. Doch es sind gerade die schwierigen Zeiten, in denen es umso wichtiger ist, gezielt nach kleinen Lichtblicken zu suchen, diese wahrzunehmen und zu schätzen.

 

Es passiert so schnell, dass wir Dinge für selbstverständlich hinnehmen und übersehen, wie viel Gutes in unserem Leben ist. Ein Dach über dem Kopf, finanzielle Sicherheit, deine Familie, dein Haustier, dein Partner...oder einfach die Tatsache, dass du am Leben bist 

2.) Erfolgserlebnis:

Was hat gestern/heute gut geklappt?

Was habe ich gestern/heute gut gemacht?

Nein, der Weg aus einer Essstörung ist kein geradliniger Prozess. Viel zu oft fokussieren wir uns aber ausschließlich auf die Dinge, die noch nicht so gut laufen oder auf den langen Weg, der noch vor uns liegt. Unsere Erfolge verschwinden in der Regel unkommentiert innerhalb kürzester Zeit aus unserem Gedächtnis. Dabei ist doch jeder noch so kleine Erfolg ein wichtiger Baustein auf dem Weg zu unserem Ziel.

 

Wenn du anfängst, dir jeden Tag ein Erfolgserlebnis aufzuschreiben, veränderst du deine Perspektive auf den Heilungsweg. Du wirst achtsamer durch den Tag gehen und deine Erfolge überhaupt einmal wahrnehmen. Das stärkt natürlich auch dein Selbstvertrauen.

 

Bedenke, dass jeder Mensch Erfolg anders definiert. Es mag Tage geben, an denen du riesige Meilensteine bewältigst – und das ist super, keine Frage! Es wird aber auch Tage geben, an denen es bereits ein Erfolg ist, aufzustehen und dir die Zähne zu putzen. Auch kleine Erfolgserlebnisse sind Erfolgserlebnisse.

Darüber hinaus geht es darum, dich einfach dafür anzuerkennen, dass du dein Bestes gibst. Und dein Bestes ist vollkommen ausreichend.

 3.) Intention für den Tag: Worauf richte ich meinen Fokus heute?

Ich erinnere mich noch gut an die Anfangszeit meiner Recovery. Unzählige Male fühlte ich mich verloren und hilflos. Intentionen gaben mir Sicher- und Geborgenheit. Zwei Dinge, die wir auf dem Weg aus der Essstörung gut gebrauchen können, oder?

 

Eine Intention ist eine Art Absichtserklärung. Du überlegst dir also schon morgens, mit welcher Energie du durch deinen Tag gehen, wie du dich fühlen und wohin du deinen Fokus richten möchtest. Natürlich solltest du dabei einen möglichst positiven Gefühlszustand (Glück, Zufriedenheit, Ausgeglichenheit, Liebe, Freude, ...) anstreben.

 

Wenn es dir schwerfällt, im Hier & Jetzt eine positive Intention zu formulieren, kannst du für einen Moment deine Augen schließen und dich in Gedanken in dein zukünftiges, vollkommen glückliches und von der Essstörung befreites „Ich“ versetzen. Wie fühlt es sich? Worauf fokussiert es sich? Wie handelt es?

Wichtig ist, dass du deine Intention in der Gegenwart formulierst – auch wenn sie von deinem zukünftigen „Ich“ kommt.

 

Mögliche Intentionen könnten lauten: 

  • Ich fühle mich sicher und geborgen.
  • Ich bin grenzenlos.
  • Ich bin Liebe.
  • Ich wachse über mich hinaus.
  • Ich wähle in jedem Moment Lebensfreude.

Du kannst dich vor jeder neuen Handlung im Alltag, vor allem aber in Situationen, in denen du zusätzliche Energie benötigst, erneut mit deiner Intention verbinden. Sie hilft dir, an deinem Ziel festzuhalten.

Das Journal als Anker für den Alltag

Das Journal ist meiner Meinung nach auch eine großartige Ergänzung zu Maßnahmen wie ambulanter Therapie oder einer Selbsthilfegruppe. Denn während diese Maßnahmen in der Regel nur 1-mal wöchentlich stattfinden, kann das Journal ein Anker für jeden Tag sein.

Neue Gewohnheiten etablieren

Und auch wenn du zu Beginn das Gefühl hast, es bringt nichts, bleib dran. Dein Gehirn wird auf Dankbarkeit und Wertschätzung umprogrammiert. Dazu müssen erst einmal neue neuronale Verbindungen geschaffen oder vernachlässigte Verbindungen wieder gestärkt werden. Es dauert in der Regel drei Wochen, bis eine Gewohnheit etabliert ist und mehr Freude und Gelassenheit spürbar sind.

An schlechten Tagen empfehle ich dir übrigens, durch dein Journal zu blättern und deine vergangenen Einträge zu überfliegen. Das hat etwas unglaublich Magisches! Du wirst erkennen, wie viel Fülle in deinem Leben ist und weit du schon gekommen bist, was dir wiederum hilft, auch weiterhin am Ball zu bleiben.

Alles Liebe,

deine Saskia


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