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#25 Was steckt hinter "buntezebras"?

Was steckt hinter "buntezebras"?

Die Idee von einem eigenen Blog hatte ich ehrlich gesagt schon lang. Und doch scheiterte es immer an der Umsetzung. Ich war mir nicht sicher, ob ich es mir „erlauben“ kann, anderen Mut zu machen, wo ich doch selbst noch nicht vollkommen gesund bin. Ich habe mich gefragt, ob es überhaupt jemanden interessiert, was ich zu sagen habe. Darüber hinaus hatte ich Angst vor negativer Kritik und der Reaktion von Freunden, Bekannten oder meiner Familie.

 

Meine Vision, anderen zu helfen und ihnen zu zeigen, dass es einen Weg aus der Essstörung gibt, wurde aber immer größer. Denn genau das ist meine tiefe Überzeugung: Heilung ist möglich. Diese Überzeugung war es auch, die mich niemals hat aufgeben, sondern immer wieder hat aufstehen lassen. Sie war der Grund, aus dem ich mich zurück ins Leben gekämpft habe.

 

Inzwischen lebt mein Blog. Wöchentlich erscheinen neue Beiträge, in den neben Liebe so viel Vertrauen steckt. Weil ich offen erzähle, was mich beschäftigt. Was ich lerne, was gut läuft und was mir hilft. Aber eben auch was nicht. Als ich mit dem Schreiben angefangen habe, hatte ich immer den Gedanken, dass es sich schon lohnen würde, nur eine einzige Person zu erreichen, die sich durch meine Worte verstanden fühlt. Inzwischen haben mehrere Tausend Menschen meinen Blog besucht, auch die Community auf Instagram wächst und ich bekomme fast täglich Nachrichten von euch. Dieser Austausch mit euch gibt mir Kraft. Gleichzeitig bestärkt er mich in dem, was ich tue, sodass ich es keinen Tag bereue, „buntezebras“ ins Leben gerufen zu haben. Dafür möchte ich mich an dieser Stelle von Herzen bedanken 

Den heutigen Beitrag möchte ich voll und ganz meinem Blog – besser gesagt, seinem Namen – widmen.

Was ist ein "buntes Zebra" überhaupt?

Hast du dich schon einmal ausgeschlossen, fremd oder irgendwie anders gefühlt?

Dann geht es dir wie mir. Fakt ist - ich habe mich fast mein ganzes Leben „anders“ gefühlt.

 

Ich bin ein sehr sensibler Mensch, der sich gut in die Gedanken- und Gefühlswelt anderer – egal ob Mensch oder Tier – hineinversetzen kann. Ich habe immer das Bedürfnis zu helfen, wenn es jemandem schlecht geht. Oft plagt mich sogar ein schlechtes Gewissen, wenn ich nicht helfen kann.

Darüber hinaus bin ich eher introvertiert. Es fiel mir schon immer deutlich leichter, Gedanken und Gefühle aufzuschreiben, anstatt sie laut auszusprechen. Ich verliere mich oft in Tagträumen, habe eine große Vorstellungskraft und eine Menge Fantasie. Außerdem brauche ich viel Zeit für mich, um Gedanken, Gefühle und Eindrücke zu verarbeiten, die einzelne Tage oder ein besonderer Anlass bei mir hinterlassen. Ich kann mich aber auch wirklich gut mit mir selbst beschäftigen. Me-Time heißt für mich besonders schöpferisch zu sein, eine Menge kreativer Ideen zu haben und mich selbst besser sowie von immer anderen Seiten kennenzulernen.

Was die Essstörung verändert hat

In meiner Vergangenheit wurde ich für diese Eigenschaften häufig kritisiert. Wenn ich nicht schlafen konnte, weil die Erlebnisse in mir nachhallten und ich nicht abschalten konnte, wurde mit mir geschumpfen. Wenn ich in Gedanken war und deswegen nicht zugehört habe, kam das bei Lehrern oder Arbeitgebern natürlich nicht gut an. Und wenn ich es bevorzugte, zu Hause zu bleiben, anstatt mit auf diese oder jene Party zu gehen, konnten viele meiner Freunde das nicht nachvollziehen.

Diese Kritik nagte an mir. Ich fing an, mich mit anderen zu vergleichen und glaubte immer mehr, dass ich nicht richtig bin, so wie ich bin. Also versuchte ich, mich anzupassen. Das hat mich krank gemacht.  

 

Meine Essstörung hat diese Eigenschaften unterdrückt. Alles, woran ich rund um die Uhr denken konnte, war das Essen, mein krankhafter Bewegungszwang und wie ich meine Krankheit bestmöglich verstecken kann. Da war kein Platz mehr für Empathie gegenüber anderen Menschen oder Tieren. Da war auch kein Platz mehr für meine „innere Welt“, die Vorstellungskraft und Fantasie. Schreiben fiel mir plötzlich so schwer, dass ich sogar glaubte, es verlernt zu haben. Und die Freude am Alleinsein verwandelte sich in eine traurige Einsamkeit. 

Selbstannahme auf dem Heilungsweg

Meine Essstörung zu heilen bedeutet für mich, zu mir zurückzufinden. Stück für Stück mehr und mehr zu dem Menschen zu werden, der ich wirklich bin. Ich spüre, wie all die Eigenschaften, die ich jahrelang unterdrückt und verdrängt habe, zurückkommen. Und gerade weil ich mich in der Vergangenheit für sie abgewertet und geleugnet habe, dass sie ein Teil von mir sind, spielt auf meinem Heilungsweg Selbstannahme eine ganz bedeutende Rolle. Ich lerne, dass ich mich nicht anpassen muss, um jemand zu sein.

Es sind gerade meine Eigenschaften, meine Andersartigkeit, die mich bereits zu jemandem machen.

Zu einem bunten Zebra, das genau richtig ist.

So, wie es ist.

Während meiner Essstörung war mein Leben alles andere als bunt. Ich war nie unglücklicher und nie entfernter von meinem wahren Selbst als zu der Zeit, in der ich mein niedrigstes Gewicht hatte.

Heilung bringt Farbe zurück in mein Leben. Heilung ist ein bisschen wie ein Mandala, bei dem am Anfang nichts als die schwarzen Umrisse auf einer weißen Leinwand zu sehen sind. Und mit jedem Tag, mit jedem Schritt, den ich auf meinem Weg aus der Essstörung zurücklege, kommt ein bisschen Farbe ins Spiel. Während es am Anfang hier und da ganz vereinzelt zaghafte Farbtupfer waren, fügt sich allmählich alles zu einem wunderschönen Gemälde zusammen, das in den buntesten Farben erstrahlt. 

Das bunte Zebra ausleben

Es gibt Tage, an denen ich nach wie vor an mir zweifle und mich frage, ob ich wirklich okay bin.

Dann stelle ich mir oft eine Welt vor, in der wir uns alle einander anpassen. In der wir alle gleich sind: das gleiche Aussehen, der gleiche Charakter, die gleiche innere Einstellung.

Und ich stelle fest, dass das so langweilig wäre! Es gäbe keine inspirierenden Geschichten zu erzählen und auch Fortschritt wäre kaum möglich. Dafür braucht es schließlich außergewöhnliche Menschen, Individuen, Querdenker mit genialen Ideen.

 

Wie in der Tierwelt jedes Zebra sein ganz eigenes Muster hat, das sich ein bisschen von dem der anderen Tiere unterscheidet, sind es auch bei uns Menschen gerade die „bunten“ Eigenschaften, die jeden Einzelnen von uns auszeichnen und in denen häufig auch unser größtes Potenzial liegt.  

 

Wir dürfen das bunte Zebra in uns also nicht nur anerkennen. Wir dürfen es auch ausleben und mit ihm gemeinsam einen inneren Frieden finden, der Heilung möglich macht.

Zebras leben in Gruppen

Außerdem leben Zebras in Herden, die in der Regenzeit aus bis zu tausend Tieren bestehen.

Auch das war ein Grund, aus dem ich den Namen „buntezebras“ so passend fand. Denn mein Wunsch ist, mit dem Blog sinnbildlich eine solche Herde, eine Gemeinschaft zu schaffen. Ich möchte jedem Leser das Gefühl geben, nicht allein mit der Essstörung zu sein. Denn auch wenn wir alle unterschiedlich sind, jede Essstörung und jeder Heilungsweg etwas anders aussieht, sind wir im Herzen „bunte Zebras“, die voneinander lernen und gemeinsam den Weg in ein glückliches, erfülltes und vor allen Dingen gesundes Leben gehen können.

Alles Liebe,

deine Saskia


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Kommentare: 2
  • #1

    @recovereise | Lina (Dienstag, 23 März 2021 17:46)

    Liebe Saskia,

    ein wirklich wunderschöner und von Herzen geschriebener Beitrag ❤
    Danke für die ehrlichen Worte!
    Fühl dich gedrückt �

  • #2

    Kleeblattkind (Dienstag, 23 März 2021 19:05)

    Danke für diesen wunderschönen Einblick in deine Gedanken.