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#19 Dein Weg aus der Essstörung - Meine besten Tipps

Letzte Woche Freitag erschien ein Beitrag über mein Geschichte auf Regio TV Stuttgart.

 

Ich habe viel mehr Feedback bekommen, als erwartet. Wo sich vorher noch letzte Zweifel breit machten, ob es wohl richtig ist, öffentlich über meine Essstörung zu sprechen, spüre ich jetzt ein tiefes Gefühl der DankbarkeitEs haben mich zahlreiche Nachrichten von Angehörigen oder Menschen aus meinem eigenen Umfeld erreicht, die mir bestätigten, die Krankheit nun etwas besser nachvollziehen zu können. Mir schrieben aber auch Betroffene, die sich in meinen Worten wiedererkannten und sagten, dass ich stolz auf das sein kann, was ich bereits geschafft habe.

„Ich wünschte ich wäre genauso stark wie du und könnte meine Essstörung heilen.“war ein Satz, den ich immer wieder gelesen habe.

 

Dieser Satz hat mich dazu veranlasst diesen Artikel zu schreiben.

Ich möchte darüber sprechen, warum ich eigentlich gar nicht so stark bin und dir ein paar konkrete Tipps mitgeben, die mir immer wieder helfen, mich trotzdem nicht von meinem Weg aus der Essstörung abbringen zu lassen. 

Der Weg aus der Essstörung

Ich bezeichne die Heilung der Essstörung unter anderem deshalb so gerne als „Weg“, weil es nun mal wirklich ein Weg ist.

Er ist geprägt von Steinen, Hügeln und Weggabelungen, an denen du nicht weißt, wie es weitergeht. Du wirst dich ab und zu verlaufen, musst an den Ausgangspunkt zurückkehren und nochmal von vorne beginnen.

All das kostet eine Menge Kraft und Energie. Doch je länger du läufst, desto einfacher wird es. Weil es zum einen Tage gibt, an denen du spüren kannst, dass du ankommen wirst.

Du hast beispielsweise einen riesigen Berg erklommen und von dort aus einen klaren Blick auf dein Ziel. Du bist zwar noch nicht da, kannst es aber bereits sehen. Und das motiviert dich weiterzugehen.

Zum anderen lernst du auf deinem Weg, wer oder was dir hilft, den nächsten Schritt zu wagen.

Ressourcen, wie ein Spazierstock, ein anderer Mensch, der dir den Weg erklärt oder eine Schlafstätte, in der du dich ausruhen und wieder zu deiner Kraft kommen kannst.

Das Ziel vor Augen haben

An einer Stelle in dem Beitrag mit Regio TV sage ich, dass ich mich nicht als 100% geheilt bezeichnen würde. Auch ich habe nach wie vor negative Gedanken oder Tage, an denen ich mich wertlos und unglaublich dick fühle. Doch wie ich es eben bildlich beschrieben habe – es gibt Augenblicke, in denen ich spüre, dass ich ankomme. Das merke ich vor allem dann, wenn ich das Leben spüre - wenn ich von Herzen lache, mich geliebt fühle oder im Kreise meiner liebsten Menschen Kaffee und Kuchen genießen kann, ohne hinterher ein schlechtes Gewissen zu haben. Diese Dinge motivieren mich weiterzugehen. Und je weiter ich gehe, desto klarer wird der Blick auf mein Ziel, das lautet: Die Essstörung ganzheitlich zu heilen.

Die besten Ressourcen auf meinem Heilungsweg

Andererseits habe ich inzwischen meine Ressourcen erkannt. Sie helfen mir am Ball zu bleiben, auch wenn sich alles in mir sträubt und ich Angst habe. Angst vor der Zunahme. Angst vor der Ungewissheit. Angst davor, was bleibt, wenn die Essstörung nicht mehr da ist.

1.) Angst bewusst wahrnehmen

Ich nehme Angst inzwischen ganz bewusst wahr. Während ich mich vor einiger Zeit aber noch von ihr leiten ließ, ihr nachgab und einen Rückzieher nach dem anderen machte, besinne ich mich nun auf das, was die Angst letzten Endes wirklich ist. Sie ist ein Gefühl. Nicht mehr und nicht weniger. Angst lähmt mich nicht. Ich kann handeln, OBWOHL ich Angst habe. Und es ist sogar wichtig, dass ich das tue, denn nur so wird die Angst kleiner.

2.) Rational denken

Mir hilft es darüber hinaus einen ganz rationalen Blick einzunehmen und mich besonders im Hinblick auf meine Gedanken zu fragen, ob das, was ich glaube, wirklich wahr ist. Unabhängig davon, wie ich mich in dem Moment fühle, stelle ich mir also folgende Frage: Stimmt es wirklich, dass ich zu dick bin?

Auch wenn ich mich nicht mehr wiege, kann ich nach über 10 Jahren mit Essstörung in etwa einschätzen, wo mein derzeitiges Gewicht liegt. Ist es also Fakt, dass ich mit diesem Gewicht in meinem Alter und bei meiner Größe dick bin?

3.) Glück ist nicht die Zahl auf der Waage

Außerdem habe ich mich generell von dem Gedanken verabschiedet, dass mein Glück von meinem Gewicht abhängt. Früher dachte ich, wenn ich noch so und so viel abnehme und dann erstmal XY Kilogramm auf die Waage bringe, bin ich endlich glücklich. Turns out – ich war nie niedergeschlagener als zu der Zeit, in der ich Tiefstgewicht hatte. Auch jetzt, auf dem Weg aus der Essstörung, weiß ich, dass ich nicht glücklicher werde, nur weil ich ein gesundes Gewicht anstrebe. Glück ist nicht die Zahl auf der Waage. Glück ist das, was abseits der Waage passiert. Für mich bedeutet es beispielsweise, meine Träume verwirklichen zu können, eine erfüllte Partnerschaft zu führen, frei und ich selbst zu sein. All das ist aber nur möglich, wenn ich die Essstörung hinter mir lasse.

4.) Weniger Body Checking

Eine meiner Ressourcen besteht darüber hinaus darin, mich selbst weniger im Spiegel anzuschauen. Ich überprüfe nicht jeden Tag, wo sich das Eis, das ich gestern gegessen habe, wohl heute bemerkbar macht. Und ob ich inzwischen genauso rund bin wie die Pizza, die es letzte Woche mit Freunden gab.

In einer Zeit, in der sich mein Körper nun mal im Wandel befindet, schaue ich ihn schlichtweg weniger an. Natürlich ist das keine Dauerlösung, doch fürs Erste ist das okay. Nichtsdestotrotz verbinde ich mich fast jeden Tag über Yoga und Meditation mit meinem Körper und danke ihm für all das, was er täglich leistet. 

5.) Wegbegleiter kennen

Zu guter Letzt erkenne ich inzwischen die Menschen, die mich auf meinem Weg begleiten und verschließe mich ihnen gegenüber nicht mehr. Lange Zeit war ich sehr in mich gekehrt, habe keinen an mich rangelassen und genervt reagiert, wenn man mir helfen wollte. Heute spreche ich mit großem Selbstverständnis mit meinem Freund oder Freundinnen über Gedanken, die mich umtreiben.

 

Ganz bestimmt gibt es auch in deinem Umfeld Menschen, die dich lieben und die für dich da sind.

Ich weiß, dass es manchmal schwer ist die Essstörung zu erklären, sodass sie auch für Nicht-Betroffene ein Stück weit nachvollziehbar ist. Deswegen an dieser Stelle auch nochmal der Hinweis, dass du mir gerne schreiben kannst, wenn du das Gefühl hast von deinem Umfeld nicht verstanden zu werden.

„Wegbegleiter“ müssen nämlich nicht immer Personen sein, die dir nahestehen und die du persönlich kennst. Es können auch zufällige Begegnungen oder Menschen sein, die einen eigenen Podcast oder einen Blog haben, der dich anspricht und berührt. Genauso gut können es Dinge, wie ein bestimmtes Buch oder ein Zitat, sein, welche dich in deiner momentanen Situation besonders ansprechen und dir wie ein inneres Mantra dienen.

Wie verhalte ich mich nach einem Rückfall?

Wenn es auf meinem Weg doch mal passiert, dass ich falsch abbiege oder stolpere, verurteile ich mich nicht mehr. Ich packe all meine Ressourcen erneut in meinen Rucksack, nehme meine Wegbegleiter an die Hand und gehe wieder los. Woher ich den Mut dazu nehme? Ich erinnere mich, warum ich beschlossen habe, meine Essstörung zu heilen. Ich habe Gründe, die viel größer und wertvoller als die Essstörung sind. Gründe, aus denen ich gesund werden will. Und ich bin mir sicher, dass es solche Gründe auch in deinem Leben gibt.

Ich hoffe, dass du aus diesem Beitrag mitnehmen kannst, dass ich nicht stärker bin als du. Alles was uns vielleicht gerade noch unterscheidet ist die Tatsache, dass ich mich inzwischen zu 100% auf meine Recovery einlasse und bereits Tools und Ressourcen entwickelt habe, die mir helfen meinen Weg zu gehen. Die gute Nachricht ist aber: Genau deswegen bin ich hier! Ich möchte all das mit dir teilen, damit dein Weg ein kleines Stück unbeschwerter wird. Ich möchte dir helfen. DAS ist mein Herzenswunsch!

 

Alles Liebe,

deine Saskia    


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