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#10 Meine Geschichte - Teil 1

Ist es nicht irre, wie die Zeit rennt? Der Dezember ist da, Weihnachten steht vor der Tür und bunte Zebras feiert das erste Jubiläum. Das hier ist bereits mein zehnter Beitrag, halleluja!

 

Ich habe diesen Blog für DICH erstellt. Weil ich weiß, wie schwer es sein kann das Licht am Ende des Tunnels zu sehen und weil ich dir zeigen will, DASS es einen Weg aus der Essstörung gibt. Heilung ist möglich.

 

Und gerade, weil mein Blog für DICH ist, habe ich in meinen Beiträgen bisher viele Tipps und Ratschläge an die Hand gegeben, von denen du dir genau die herauspicken kannst, die dich ansprechen und sich auf deinen eigenen Heilungsweg übertragen lassen.

 

Doch hinter all diesen Erfahrungen, Tipps und Ratschlägen steckt ein Mensch. Hinter all diesen Dingen stecke ich. Saskia. Ich möchte dir etwas von mir erzählen. Damit du erkennst, dass auch ich an dem Punkt war, an dem du vielleicht gerade bist. An dem ich mich entscheiden musste, ob ich leben oder sterben will.

 

Das ist meine Geschichte:

Es ist schwierig einen Zeitpunkt festzumachen, von dem ich glaube, dass ich genau da hätte anders abbiegen oder handeln sollen und es wäre nie zu meiner Essstörung gekommen. Ich glaube nicht, dass es DEN einen Augenblick gab, der ausschlaggebend für meine Essstörung war. Viel mehr waren es viele kleine Momente, die allesamt Narben hinterlassen und sich irgendwann eine Möglichkeit gesucht haben, um an die Oberfläche zu kommen.

Eigentlich war ich ein behütetes und selbstbewusstes Kind. Im Kindergarten habe ich bei Theaterstücken vor Publikum mitgespielt, in der Grundschule problemlos vor der ganzen Klasse vorgelesen. Und doch gab es einen Teil in mir, der irgendwie immer Angst hatte allein gelassen zu werden. Übersehen zu werden. Zu Beginn der Schulzeit habe ich mich beispielsweise davor gefürchtet, eines Tages einfach nicht abgeholt zu werden. Ich habe sofort geweint, wenn ich aus dem Schulgebäude kam und meine Mama nicht auf den ersten Blick gesehen habe. Das ging so weit, dass sie als einzige Erziehungsberechtigte die Erlaubnis bekam, nicht nur vor dem Schulgebäude, sondern vor dem Klassenzimmer auf mich zu warten, um mich direkt in die Arme zu schließen.

 

Später hatte ich massive Schlafprobleme, weil ich die völlig irrationale Angst hatte, abends einzuschlafen und am nächsten Morgen an einem anderen Ort aufzuwachen. An dem ich allein bin. Verloren. Hilflos. Es verging keine Nacht, in der ich nicht mit den Worten „Ich kann nicht schlafen.“ im Schlafzimmer meiner Eltern stand.

Mit zunehmendem Alter besserte sich das. Natürlich. Wenn man erstmal auf eine weiterführende Schule kommt, wird man schließlich schräg angeguckt, wenn man noch von Mama abgeholt wird oder Probleme mit dem Einschlafen hat. Während ich damals dachte, dass sich meine Ängste einfach in Luft aufgelöst haben, weiß ich heute, dass sich einfach nur die Art und Weise, wie sie zum Ausdruck kamen, veränderte. 

Ich kam in die Pubertät und auf einmal wurden Jungs interessant, mein Körper hat sich verändert und es war mir wichtig beliebt zu sein. Und auch wenn ich mich zu dieser Zeit von außen betrachtet noch selbstsicher gegeben habe, schlichen sich langsam, aber sicher wieder die Ängste von früher ein. Übersehen zu werden. Allein zu sein. Dazu kamen Selbstzweifel. Ich fing an mich mit anderen zu vergleichen und mich selbst in dem schlechtesten Licht darzustellen. Verstärkt wurde das Ganze durch einige dumme Kommentare über mein Aussehen und meinen Körper von damaligen Freundinnen, Kumpels und sogar Erwachsenen. Ich war nie dick, habe mir aber auch nichts aus Sport gemacht. Zu einer Zeit, in der sich der Körper verändert, hatte ich eigentlich eine normale Figur. Und doch haben diese Kommentare an mir genagt. Sogar heute habe ich sie noch im Kopf.

 

Im Frühjahr 2010 ging es für meinen Bruder und mich auf Kreuzfahrt mit unseren Großeltern. Vielleicht warst du schon einmal auf einem Kreuzfahrtschiff und weißt deshalb, dass so ein Schiff wie eine eigene kleine Stadt ist. Neben Theater, Kino, Tennisplätzen und einem Fitnessstudio gibt es auf solchen Schiffen noch etwas – verdammt viel gutes und leckeres Essen. All inclusive. Meine Großeltern haben uns vor der Kreuzfahrt erzählt, extra eine kleine Diät zu machen, um es sich dann richtig gut gehen lassen zu können. Und sie hatten nicht zu viel versprochen. So sehr ich mich auf die Reise freute, hatte ich gleichzeitig, zum ersten Mal in meinem Leben, Angst davor zuzunehmen. Nach einer Woche zurück nach Hause zu kommen, dick geworden zu sein und nicht mehr gemocht zu werden.

Es mag klingen wie in einem Film, doch genau so ist es passiert: Eines Nachts hatten wir unglaublich starken Seegang, wodurch ich seekrank wurde und mich übergeben habe. Das brachte mich auf eine Idee. Essen und Kotzen. Hallo Bulimie.

Die Bulimie war die perfekte Lösung für mich; zumindest dachte ich das. Essen so viel ich wollte und meine Figur trotzdem behalten, vielleicht sogar ein bisschen abnehmen. Und weil ich so begeistert davon war, bin ich so schnell so tief in diesen Teufelskreis abgerutscht, dass es schon kurze Zeit später keine einzige Mahlzeit mehr gab, die ich noch bei mir behalten habe. Mit 13 Jahren habe ich selbst nicht richtig verstanden, was ich da eigentlich gemacht habe und welche Folgen mein Fehlverhalten noch haben würde. Das war glaube ich auch der Grund, weshalb ich kein wirkliches Versteckspiel aus der Bulimie gemacht habe. Ich hatte mir keine Strategien zurecht gelegt, wie mein Verhalten möglichst unentdeckt bleibt und so fragten mich meine Eltern schon kurze Zeit später, nachdem ich das Abendessen wieder einmal auf der Toilette losgeworden war, sehr direkt, ob ich ein Problem habe. Ich habe es nicht geleugnet, war sogar bereit zu einer Beratungsstelle zu gehen. Fast zeitgleich hatte ich meinen ersten richtigen Freund, durch den ich die Welt sowieso durch eine rosarote Brille gesehen habe und beschloss, dass für die Bulimie kein Platz mehr in meinem Leben ist.

Zwei Jahre lang hatte ich mich nicht oder kaum erbrochen. Bis sich mein damaliger Freund und ich uns in den Sommerferien vor der zehnten Klasse trennten. Alte Gefühle kamen hoch. Gefühle von Wertlosigkeit. Das Gefühl übersehen und nicht gemocht zu werden. Noch in den Sommerferien holte mich die Bulimie wieder ein. Dieses Mal viel heftiger und schlimmer als noch zwei Jahre vorher. Anders als zuvor, machten sich erstmals Mangelerscheinungen bemerkbar. Mir wurde öfter schwarz vor Augen, mir fielen die Haare aus und das Schlimmste: ich bekam extreme Heißhungerattacken.

Bild entstanden im Sommer 2012, kurz bevor die Bulimie wieder Teil meines Lebens wurde.


Es war, als wollte sich mein Körper all das Essen, das ich erbrochen und ihm dadurch genommen habe, zurückholen. Am Anfang schaufelte ich mir beim Mittag- oder Abendessen mit meiner Familie riesige Portionen auf den Teller. Schon bald schämte ich mich dafür genauso viel oder sogar noch mehr zu essen als mein älterer Bruder oder sogar mein Papa. Also zog ich mich zurück, aß heimlich. Ich plünderte den Süßigkeiten-Schrank, wusste aber, dass es nicht lange dauert, bis meine Eltern davon Wind bekommen würden. Also sparte ich mein Taschengeld auf, um es für Essen auszugeben.  Für Essen, das ich nur kurze Zeit später wieder erbrechen würde. Ich habe teilweise so viel gegessen, dass ich das Gefühl hatte nicht mehr aufstehen zu können. Dass ich nicht nur sprichwörtlich, sondern wirklich das Gefühl hatte, jeden Moment zu platzen. In diesem Zustand habe ich mich auf die Toilette gequält und meinen gesamten Mageninhalt erbrochen. Ich hatte Panik, dass auch nur ein kleiner Rest von dem Essen, das ich mir reingestopft hatte, nicht wieder rauskommen und ich dadurch dann zunehmen würde. Also habe ich erbrochen, bis mir Tränen in den Augen standen und ich müde wurde. Müde, weil das Erbrechen so anstrengend war. Aber auch müde, weil ich mit dem Essen meine ganze Energie und Lebensfreude die Toilette runterspülte.  

Mitte Oktober war es meine Mama, die mich wieder sehr direkt mit meinem Verhalten konfrontierte. Einerseits war ich froh, dass ich mich nun jemandem anvertrauen konnte, andererseits nahm die Bulimie mich vollständig ein, sodass ich mir nicht ansatzweise vorstellen konnte, jemals wieder ohne sie zu leben. Meine Eltern waren verzweifelt und voller Angst um mich. Ihnen zuliebe stimmte ich einer ambulanten Therapie zu. Einmal die Woche ging es von da an für mich zu einer Psychologin.

 

Ich weiß gar nicht genau, was ich erwartet habe. Wahrscheinlich eine Wunderpille, die mich von jetzt auf gleich heilt. Oder den einen bestimmten Therapieansatz, mit dem mir auf einmal ein Licht aufgeht und ich die Bulimie wieder, wie schon zwei Jahre vorher, von einem auf den anderen Tag hinter mir lasse. So einfach war es nicht. Vielleicht weißt du aus eigener Erfahrung oder kannst dir zumindest denken, dass eine Therapie nichts nützt, solange du nicht bereit bist, die Therapie aktiv mit zu gestalten. Solange du nicht wahrhaftig und zu 100% den Wunsch hast gesund zu werden. An diesem Punkt war ich noch lange nicht.

 

Und so ging ich Woche für Woche zur Therapie, saß der Psychologin teilweise eine Stunde lang schweigend gegenüber oder versuchte ihr weis zu machen, dass es mir doch bestens geht. Abseits der Therapie quälte mich Tag und Nacht zum einen die Frage, wann ich essen und erbrechen konnte, ohne dass meine Eltern es bemerken und zum anderen die Tatsache, dass ich nach wie vor Normalgewicht hatte. Ich war überzeugt, dass ich noch zu fett war, um eine Essstörung zu haben. Ich habe mir selbst nicht abgekauft, dass ich krank war und glaubte deshalb keine Hilfe verdient zu haben. Ich wollte, dass man mir die Essstörung ansieht. Am besten aus einem Kilometer Entfernung. Ich wünschte mir nichts sehnlicher als endlich nicht mehr übersehen zu werden.  

Gleichzeitig wurde der Druck in der Schule immer stärker. Die zehnte Klasse auf dem Gymnasium war anspruchsvoll. Ich wollte abliefern. Ich erkannte, wie viel Zeit mich die Bulimie kostete. Einkaufen. Essen. Kotzen. Putzen. Wertvolle Zeit, die ich eigentlich zum Lernen nutzen konnte. Meine logische Schlussfolgerung lautete: Keine Essanfälle mehr. Weil ich aber so eine Angst davor hatte unglaublich zuzunehmen, sobald ich essen und nicht mehr erbrechen würde, entschied ich mich lieber grundsätzlich mit dem Essen aufzuhören. Wie schon zwei Jahre zuvor habe ich es geschafft, die Bulimie ab diesem Tag radikal aus meinem Leben zu verbannen. Gleichzeitig aber habe ich mich voll und ganz der nächsten Bestie hingegeben – denn das war die Geburtsstunde meiner Anorexie. 


To be continued...


Ich möchte, dass du aus Teil 1 meiner Geschichte Folgendes mitnimmst:

  • Du musst nicht untergewichtig sein, um eine Essstörung zu haben!
  • Du hast Hilfe verdient, ganz egal ob du erst ein paar Wochen oder bereits mehrere Jahre mit einer Essstörung kämpfst. 

Bis hierhin war ich immer normalgewichtig

Und doch war ich krank. Vollkommen eingenommen von der Bulimie.

Ich war zum damaligen Zeitpunkt absolut überzeugt keine Hilfe verdient zu haben. Stattdessen kam ich mir vor wie eine Hochstaplerin, weil ich trotz Normalgewicht in psychologischer Betreuung war. Weil ich trotz Normalgewicht allen Anschein nach eine Essstörung hatte. Rückblickend erkenne ich wie falsch ich lag!

Ich hätte wahrscheinlich vieles von dem, was noch folgen sollte, abwenden können, wenn ich mir die Krankheit bereits ehrlich eingestanden hätte.

 

Meine Vergangenheit lässt sich nicht mehr ändern. Deine Zukunft hingegen schon. 

Deshalb lass dir gesagt sein: 

Nimm dich selbst ernst. Du bist es wert. Und du hast Hilfe verdient.


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